«Nur wer die Sehnsucht kennt...!»

von Prof. Dr. Alexandra M. Freund


Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Joseph von Eichendorff (1788–1857)


Jeder Mensch kennt das bittersüsse Gefühl der Sehnsucht. Sehnsucht ist ein Ziehen in der Brust, es schmerzt, aber Sehnsucht ist auch ein schönes Schwelgen in den Vorstellungen von dem grossen Glück.

Erstaunlicherweise hat die Psychologie dieses komplexe Phänomen bisher weitgehend ausgespart. Eine Gruppe um den verstorbenen Paul B. Baltes, ehemals Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, hat sich der theoretischen und empirischen Erforschung von Sehnsucht in den vergangenen Jahren gewidmet. Was also ist Sehnsucht? Warum sehnen sich Menschen? hat Sehnsucht eine Funktion? Verändert sich Sehnsucht über die Lebensspanne?


Was ist Sehnsucht?

In ihrem Modell der Sehnsucht unterscheidet die Forschergruppe sechs wichtige Merkmale, die sie in umfangreichen Studien mit mehreren Hundert Erwachsenen aus unterschiedlichen Arbeits- und familiären Kontexten mithilfe von Fragebögen bestätigen konnten. Diese 6 Merkmale sind:

(1) Unerreichbarkeit einer persönlichen Utopie: Sehnsucht ist die Vorstellung davon, was das «perfekte Leben» wäre. Das ist zwar nie erreichbar, aber jeder Mensch hat eine ganz persönliche Vorstellung davon, wie dieses «perfekte Leben» aussehen würde.  Für den einen ist dies das Zusammenleben mit einem Partner in unzerstörbarer Harmonie, für den anderen ein Leben in vollkommener Unabhängigkeit und Autonomie.

 (2) Unvollkommenheit und Unfertigkeit des eigenen Lebens: Zum Beispiel: Ich weiss, dass ohne die grosse Liebe, nach der ich mich sehne, mein Leben nie ganz vollkommen ist.

(3) Dreizeitigkeitsfokus: Sehnsucht ist immer auf die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft ausgerichtet. So zum Beispiel ein Vater, der sich nach seinem verstorbenen Sohn sehnt, der ihm in seinem gegenwärtigen Leben fehlt und der sich nichts mehr wünscht, als dass die Zeit mit seinem Sohn wiederkehren werden.

(4) Bittersüsse Gefühle: Süss sind die Phantasien vom Ersehnten, von dem, was das Leben perfekt machen würde. Bitter ist das Wissen darum, dass es sich dabei um etwas Unerreichbares handelt.

(5) Rückschau und Lebensbewertung: Sehnsucht dient auch zur Bewertung des eigenen Lebens. Bin ich auf dem richtigen Weg? Was fehlt in meinem Leben? Wohin soll es gehen?

(6) Symbolcharakter: Meist stehen Sehnsüchte für etwas anderes.  Man sehnt sich nach einem schnellen Sportflitzer, der für Unabhängigkeit, Freiheit und Unbeschwertheit steht.


Warum sehnen sich Menschen, hat Sehnsucht eine Funktion?

Sehnsucht hat nach der Forschung der Gruppe um Baltes zwei mögliche Funktionen. Zum einen kann Sehnsucht dabei helfen, mit der eigenen Unfertigkeit, Verlusten und dem nicht-perfekten Leben umzugehen. In der Sehnsucht kann man das perfekte Leben eben doch für eine gewisse Weile haben. Zum anderen kann Sehnsucht dem Leben eine Richtung geben. Sie kann einem dabei helfen, sich Ziele in den Lebensbereichen zu setzen, die einem besonders wichtig sind – eben in den Lebensbereichen der Sehnsüchte. Sehnsüchte selbst sind zu abstrakt, um Handlungen zu leiten. Hierfür ist es allerdings wichtig, so die Ergebnisse der Forschung, dass man das Gefühl hat, seine Sehnsuchtsgefühle kontrollieren zu können und sich ihnen nicht ausgeliefert zu fühlen. Sonst kann Sehnsucht sogar zu Melancholie führen.


Verändert sich die Sehnsucht über die Lebensspanne?

Die zentralen Merkmale von Sehnsucht sind über das gesamte Erwachsenenalter vorhanden. Allerdings verändern sich die Inhalte der Sehnsüchte: Jüngere Erwachsene tendieren eher zu Sehnsüchten in Bezug auf den Beruf, mittelalte Erwachsene hinsichtlich der Partnerschaft und ältere Erwachsene im Bereich der Selbst- und Persönlichkeitsentwicklung. Ausserdem sind die Sehnsüchte von älteren Erwachsenen insgesamt positiver getönt, während bei jungen Erwachsenen die negativen Gefühle vorherrschen. Dies, so die Forscher, könnte ein Hinweis darauf sein, dass ältere Erwachsene ihr Leben mithilfe von Sehnsucht besser zu meistern gelernt haben als jüngere Erwachsene.


Quelle: Scheibe, S., Freund, A. M., & Baltes, P. B. (2007). Toward a developmental psychology of Sehnsucht (life longings): The optimal (utopian) life. Developmental Psychology, 43, 778–795.



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