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Psychologisches Institut Entwicklungspsychologie: Erwachsenenalter

Wie genau sind unsere Vorhersagen?

von Dr. phil. David Weiss

Was wäre unser Leben ohne Vorhersagen? Die Fähigkeit, die Zukunft zu antizipieren, ist eine typisch menschliche Eigenschaft. Pläne, Wünsche und Erwartungen an die Zukunft spielen daher für uns eine grosse Rolle.

Die Zukunft vorherzusagen und das Unbekannte vorhersehbar zu machen ist ein lang ersehnter Wunsch der Menschheit. Dieser Wunsch spiegelt sich in den unterschiedlichsten Vorhersagen für die Zukunft wider: Wettervorhersagen, Wirtschaftsvorhersagen und Schicksalsvorhersagen (z.B. Horoskope) sind nur einige Beispiele dafür, wie wir versuchen, die Zukunft vorwegzunehmen, um damit grössere Einflussmöglichkeiten auf die Gegenwart zu haben.

Dies ist besonders wichtig, wenn es darum geht, unsere eigenen Gefühle und inneren Zustände vorherzusagen. Beispielsweise denken viele Menschen vor einer Prüfungssituation, dass sie diese nicht bewältigen werden. Sind sie dann aber tatsächlich in dieser Situation, so empfinden sie es meist nicht so schlimm wie erwartet. Vorhersagen, die uns selbst und unsere Reaktionen und Gefühlszustände betreffen, sind also oft stark systematisch verzerrt.

Warum sind unsere Vorhersagen falsch?

Diese Frage untersuchten Daniel Gilbert und Kollegen (Gilbert et al., 1998) in verschiedenen Studien. Sie konnten zeigen, dass die aktuelle emotionale Situation, in der wir uns gerade befinden, ein wichtiger Faktor zur Vorhersage von solchen Verzerrungen ist. Demzufolge werden oft gefühlsbetonte Reaktionen zukünftiger Ereignisse überschätzt. Ergebnisse zeigen, dass spezifische Emotionen, Intensität und Dauer von Gefühlszuständen verzerrt wahrgenommen werden. Dabei unter- bzw. überschätzen wir, ob die erwartete Situation positive oder negative Gefühle hervorruft, und wie lange diese Gefühle andauern.

In welcher Hinsicht sind unsere Vorhersagen systematisch verzerrt?

Gilbert und Kollegen gehen davon aus, dass wir ein «psychologisches Immunsystem» besitzen. Dieser Abwehrmechanismus des Bewusstseins führt zu einer besseren Erinnerung früherer Erfolge und zum Vergessen eigener Niederlagen und negativer Ereignisse. In diesem Zusammenhang überschätzen wir Intensität und Dauer unserer emotionalen Reaktionen auf negative (z.B. Verlust des Arbeitsplatzes) bzw. positive (z.B. Lottogewinn) Ereignisse.

Gilbert und Kollegen argumentieren, dass wir unsere psychologische Anpassungsfähigkeit (z.B. negative Information zu relativieren oder sich schnell an einen positiven Zustand zu gewöhnen) nicht mit einbeziehen bzw. unterschätzen, wenn wir an zukünftige Ereignisse (z.B. Lottogewinn oder Arbeitsplatzverlust) denken. Wenn wir uns nun vorstellen, wie wir uns bei Eintreten des Ereignisses fühlen werden (z.B. «Wenn ich im Lotto gewinne, dann werde ich für immer glücklich sein» oder «Wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere, habe ich nichts mehr im Leben»), berücksichtigen wir nicht, dass wir uns sehr schnell an den neuen Zustand anpassen. Dadurch kommt es zu verzerrten Vorhersagen und der Diskrepanz zwischen erwarteter und tatsächlicher Situation.

Quelle: Gilbert, D. T., Pinel, E. C., Wilson, T. D., Blumberg, S. J., & Wheatley, T. P. (1998). Immune neglect: A source of durability bias in affective forecasting. Journal of Personality and Social Psychology, 75, 617–638.

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