Zur Entwicklung von wertbasierten Entscheidungen

von Dr. Sebastian Horn

 

Um gute Entscheidungen zu treffen, müssen Menschen andere Objekte oder Situationen möglichst angemessen bewerten. Wertbasierte Entscheidungen erfordern typischerweise den Abruf von persönlichen (positiven oder negativen) Erfahrungen aus dem Langzeitgedächtnis. Diese Erfahrungen müssen dann noch für ein Gesamturteil kombiniert werden. Bislang wurden die Prozesse der Entscheidungsfindung und des Gedächtnisabrufs aber meist getrennt voneinander untersucht. Neuere Studien weisen darauf hin, dass bei wertbasierten Entscheidungen insbesondere der sogenannte Hippocampus (eine Gehirnstruktur am inneren Rand des Temporallappens) relevant sein könnte, um Information über individuelle Kosten oder Nutzen aus dem Gedächtnis abzurufen. Die Entwicklung dieser Gehirnstruktur scheint im Kindesalter früher abgeschlossen zu sein als Reifungsprozesse in anderen Hirnregionen. Dies führt zu der Vorhersage, dass bereits Schulkinder relativ akkurat und schnell individuelle Assoziationen zwischen Objekten und deren Werten abrufen könnten. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Basel haben experimentell untersucht, wie gut Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen Entscheidungen über den Wert von einfachen Objekten treffen. In der Studie lernten 90 Personen (9/10-Jährige, 11/12-Jährige, und junge Erwachsene) zunächst Punktwerte mit unterschiedlichen Symbolen (Farben und Formen) in Verbindung zu bringen. In einer anschließenden Entscheidungsphase bewerteten die Versuchspersonen dann Objekte, die aus Kombinationen dieser Symbole bestanden. Der Gesamtwert eines Objekts konnte dabei positiv («Gewinnobjekt») oder negativ sein («Verlustobjekt») und somit zu Gewinn oder Verlust führen. Die Personen sollten jeweils entscheiden, ob sie ein gezeigtes Objekt akzeptieren oder ablehnen. Die mit akzeptierten Objekten verbundenen Punkte wurden gesammelt und am Ende der Studie in Geld ausgezahlt. Alle Altersgruppen trafen dabei erstaunlich schnelle und gute Entscheidungen. Auch die Höhe des Wertes eines Objekts spielte dabei eine wichtige Rolle: Personen aller Altersstufen trafen schnellere und akkuratere Entscheidungen wenn ein Objekt beispielsweise mit einem besonders hohen Gewinn oder Verlust verbunden war; bei niedrigeren Werten hingegen trafen die Teilnehmer eher langsamere und fehlerhafte Entscheidungen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Sensitivität gegenüber den Werten von Objekten bei Schulkindern ähnlichen Gesetzmässigkeiten folgt wie bei Erwachsenen. Ferner scheint beim Abwägen über Nutzen und Kosten einer Entscheidung ein einfacher Subtraktionsmechanismus genutzt zu werden. Insgesamt zeigen diese Studienergebnisse, dass die erforderlichen kognitiven Fähigkeiten für wertbasierte Entscheidungen aus dem Gedächtnis bereits relativ früh entwickelt sind.

 

 

Literaturangaben:

Horn, S. S., Mata, R., & Pachur, T. (2019). Good + Bad = ? Developmental Differences in Balancing Gains and Losses in Value‐Based Decisions from Memory. Child Development. doi.org/10.1111/cdev.13208

 

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