Wer hilft in welchem Ausmass weinenden Menschen?

von Brian Cardini

 

Sei es nach einem herzzerreissenden Film, während einer berührenden Begegnung, oder in einem Augenblick besonderer Trauer: die meisten Menschen weinen von Zeit zu Zeit. In der Psychologie werden dem Weinen hilfreiche Funktionen zugesprochen. So konnten frühere Studien zeigen, dass das Weinen in sozialen Situationen unter Anderem dazu dient, unseren Mitmenschen den eigenen Gefühlszustand zu signalisieren und in ihnen ein Gefühl der Hilfsbereitschaft auszulösen. Interessanterweise gibt es allerdings grosse individuelle Unterschiede darin, wie aussenstehende Beobachter*innen ein weinendes Gesicht wahrnehmen und wie stark ihre Hilfsbereitschaft ausgeprägt ist. Ein wichtiger Umstand dabei ist, ob eine weinende Person Tränen im Gesicht hat oder nicht. In einer früheren Studie konnte gezeigt werden, dass Menschen mehr Hilfsbereitschaft zeigen, wenn die weinende Person auch Tränen im Gesicht hat.

In einer neuen Studie wollte die Forscherin Marie Stadel und ihr Team von der Universität Groningen diesem Befund näher auf den Grund gehen. Einerseits wollten die Forschenden den Befund replizieren, dass tränenreiche, weinende Gesichter zu mehr Hilfsbereitschaft führen als tränenlose, weinende Gesichter. Die Forschenden gingen noch einen Schritt weiter und wollten herausfinden, welche Rolle das Geschlecht der weinenden Person und das Geschlecht der beobachtenden Person für das Ausmass der berichteten Hilfsbereitschaft spielt. Die Forschenden vermuteten, dass männliche Beobachter eine höhere Hilfsbereitschaft gegenüber weinenden Frauen unter Tränen im Vergleich zu Männern zeigen. Weiter vermuteten sie, dass weibliche Beobachterinnen gegenüber weinenden Männern und Frauen unter Tränen in etwa das gleiche Ausmass an Hilfsbereitschaft berichten sollten. Ihre Hypothese begründeten die Forschenden mit der Annahme, dass die weit verbreiteten maskulinen Geschlechtsrollen-Stereotype in unserer Gesellschaft (zum Beispiel: «Männer weinen nicht» oder «Männer wissen sich zu helfen») bei vielen Männern dazu führen sollte, dass sie weinende Männer als negativer bewerten sollten als weinende Frauen. Im Gegensatz dazu postulieren die Forschenden, dass Frauen öfters durch das (gegenseitige) Weinen in stressigen Situationen die Beziehung zu ihren Mitmenschen zu stärken suchten. Dies sollte wiederum dazu führen, dass Frauen weinenden Gesichtern unter Tränen der beiden Geschlechter in etwa dieselbe Hilfsbereitschaft zeigen.

In ihrer Studie baten die Forschenden 70 Studentinnen und 70 Studenten an der Universität Groningen, sich insgesamt 32 Bilder mit weinenden Gesichtern anzusehen (50% weibliche Gesichter, 50% männliche Gesichter). Allerdings präsentierten die Forschenden dasselbe Gesicht jeweils zwei Mal: einmal mit Tränen im Gesicht (Originalaufnahme) und einmal ohne Tränen im Gesicht (retuschierte Aufnahme). Nach jedem Gesicht wurden die Studierenden gebeten, die gezeigte Person im Hinblick auf ihre Hilflosigkeit und Freundlichkeit zu bewerten. Ausserdem wurden die Studierenden gebeten anzugeben, wie verbunden sie sich mit der gezeigten Person fühlten und wie sehr sie dieser Person helfen würden.

Wie erwartet stellte sich heraus, dass Studierende beider Geschlechter bei weinenden Gesichtern mit Tränen im Schnitt eine höhere Hilfsbereitschaft berichteten. Somit konnten die Forschenden diesen früheren Befund replizieren. Ausserdem unterstützten die Ergebnisse bei weinenden Gesichtern mit Tränen die Geschlechter-Hypothese der Forschenden: Männliche Studierende waren im Schnitt weniger dazu bereit, weinenden Männern im Gegensatz zu weinenden Frauen zu helfen. Hingegen berichteten weibliche Studierende über eine ähnlich hohe Hilfsbereitschaft bei weinenden Männern und Frauen.

Sind Männer nun also aufgrund der vorherrschenden kulturellen Normen allgemein weniger dazu bereit, anderen weinenden Männern zu helfen? Die Forschenden diskutieren, dass diese Auffassung zu kurz greifen könnte. Zum Beispiel konnten andere Studien zeigen, dass Männer ebenso bereit sind, weinenden Männern zu helfen, wenn diese aus ihrem näheren sozialen Umfeld stammen. Dies würde dann eher für einen „Fremden-Effekt“ sprechen – also dass Männer weniger dazu bereit sind, fremden Männern zu helfen. Noch ist es aber zu früh, um definitive Schlüsse aus dieser Studie zu ziehen. Um ein genaueres Bild vom Zusammenhang zwischen Geschlecht und Hilfsbereitschaft zu erhalten, sollte zukünftige Forschung nicht nur die berichtete, sondern insbesondere auch die tatsächliche Hilfsbereitschaft der Beobachtenden erfassen. Deshalb wäre es auch interessant zu sehen, ob und wie Menschen nicht nur im Labor, sondern in ihrem eigenen Alltag ihren weinenden Mitmenschen helfen. Ausserdem sollten in einem nächsten Schritt nicht nur Studierende aus einer westlichen Gesellschaft, sondern Personen verschiedener Altersstufen und aus verschiedenen Kulturen im Hinblick auf ihre Hilfsbereitschaft bei trauernden Menschen untersucht werden.

 

 

 

Literaturangabe:

Stadel, M., Daniels, J. K., Warrens, M. J., & Jeronimus, B. F. (2019). The gender-specific impact of emotional tears. Motivation and Emotion, 43, 696-704.

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