Soziale Synchronizität: Der Zusammenhang zwischen aufeinander abgestimmten Bewegungen und sozialen Bindungen

von Dr. Michaela Knecht


Wie kommt es, dass ein Publikum von hunderten von Personen plötzlich synchron klatscht? Weshalb gehen wir oft im Gleichschritt neben einer anderen Person her? Menschen haben offensichtlich eine Tendenz spontan die Bewegungen mit jenen der Personen in ihrer Umgebung zu synchronisieren. Welche Funktion aber hat dieses Verhalten? Warum tun das Menschen? Dieses Phänomen wurde bis anhin noch selten untersucht.

Eine spezielle Form der interpersonalen Koordination wurde schon genauer analysiert, nämlich die Mimikry. Mimikry beschreibt das Phänomen, dass Menschen andere Menschen unbewusst und automatisch nachahmen. Z.B indem sie die gleiche Körperhaltung oder den gleichen Gesichtsausdruck einnehmen. Es konnte gezeigt werden, dass Mimikry zwischenmenschliche Beziehungen fördert. Es wird vermutet, dass Mimikry zu Stande kommt, indem es allein durch die Wahrnehmung des Verhaltens eines anderen auch beim Beobachter zu einer Aktivierung des Systems im Gehirn kommt, das für diese Bewegung verantwortlich ist, was dann die Wahrscheinlichkeit der tatsächlichen Bewegung erhöht. Dabei spielen sogenannte Spiegelneurone eine Rolle.

Warum aber zeigen Menschen oft eine Synchronizität in ihren Bewegungen? Bisher wurde dieses Phänomen erst beschrieben, aber noch nicht genauer untersucht. So konnte z.B. gezeigt werden, dass nebeneinander sitzende Personen, die beide den Fuss bewegen oder das Bein leicht schwingen, oft automatisch in denselben Rhythmus kommen. Dasselbe gilt für Personen, die mit ihrem Stuhl wippen. Aber auch grössere Personengruppen bewegen sich oft automatisch synchron, z.B. ein Publikum, das nach kurzer Zeit automatisch synchron klatscht. In neueren Studien versuchten Forscher nun zu untersuchen, welche Mechanismen dazu führen, dass diese Synchronizität zu Stande kommt und welche Rolle sie in zwischenmenschlichen Interaktionen spielen.

Michael J. Hove und Jane L. Risen konnten in mehreren Experimenten mit Fingertippbewegungen zeigen, dass der Grad an Synchronizität der Bewegungen voraus sagt, wie die Personen die Beziehung mit dem Gegenüber bewerten. In der Bedingung, in der eine Person den Finger im gleichen Rhythmus bewegt wie ihr Gegenüber, wurde sie vom Gegenüber positiver eingeschätzt. Die Synchronizität der Bewegung hat somit einen positiven Effekt auf die zwischenmenschliche Beziehung. Diese Befunde entsprechen jenen der Mimikry.

Die Forscher K. Yun, K. Watnabe und S. Shimojo, wollten die Mechanismen der synchronen Bewegungen genauer untersuchen und haben dazu in zwischenmenschlichen Interaktionen die Gehirnaktivität gemessen. In ihrem Experiment mussten sich zwei Personen gegenüberstellen, einen Arm ausstrecken und mit dem Zeigfinger genau auf den Zeigfinger des Gegenübers zeigen. Sie wurden aufgefordert, den Zeigfinger so wenig wie möglich zu bewegen. In einer zweiten Übung mussten sie den Bewegungen des Gegenübers so genau wie möglich folgen. In der letzten Übung mussten sie erneut so unbeweglich wie möglich auf den Finger des Gegenübers zeigen. Während der ganzen Untersuchung wurden die Fingerbewegungen wie auch die Gehirnaktivitäten aufgezeichnet. Es hat sich gezeigt, dass in der letzten Übung die Übereinstimmung der Fingerbewegungen signifikant grösser als in der ersten Übung war. Dies trotz gleicher Instruktion – nämlich die Finger ganz ruhig zu halten. Erstaunlicherweise waren nach der zweiten Übung (dem Finger des Gegenübers zu folgen) nicht nur die Bewegungen, sondern auch die Gehirnaktivität der Teilnehmenden synchroner. Diese Erkenntnisse bilden einen vielversprechenden Ausgangspunkt zur weiteren Erforschung des Phänomens der Synchronizität von menschlichen Bewegungen.

Quellen:
Hove, M. J. & Risen, J. L. (2009). It’s all in the timing: Interpersonal synchrony increases affiliation. Social Cognition, 27 (6), p.949-960.
Yun, K., Watanabe, K., & Shimiojo. S. (2012). Interpersonal body and neural synchronization as a marker of implicit social interaction. Scientific reports, 2, DOI:10.1038/srep00959

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