Ich bin stolz... und damit bin ich nicht alleine

Dr. Martin Tomasik


Es gibt nicht viele Ergebnisse psychologischer Forschung, die ihren Weg ins Allgemeinwissen gefunden haben. Ein solches Ergebnis ist jedoch, dass es eine relativ kleine Anzahl von „Basisemotionen“ gibt, wie etwa Ärger, Ekel, Furcht, Freude, Traurigkeit und Überraschung. Basisemotionen sind Gefühle, die sich erstens dadurch auszeichnen, dass es in allen menschlichen Kulturen und damit Sprachen Bezeichnungen für diese Gefühle gibt. Das legt die Vermutung nahe, dass Basisemotionen schon sehr früh in der menschlichen Entwicklung entstanden sind und damit eine wichtige evolutionäre Funktion erfüllt haben. Beispielsweise könnte die Fähigkeit, schnell zu erkennen, dass sich jemand anderes vor etwas fürchtet oder ekelt, überlebensentscheidend gewesen sein.

Ein weiteres Merkmal von Basisemotionen ist, dass die dazugehörige Körpersprache (Gestik) und vor allem die Gesichtsausdrücke (Mimik) weltweit in allen Kulturen übereinstimmen und in gleicher Weise verstanden und interpretiert werden. Das ist bei Weitem nicht für jede Gestik und Mimik der Fall. Das Kopfschütteln beispielsweise wird in manchen Kulturen als Ablehnung und in anderen Kulturen als Zustimmung interpretiert, während die Daumen-hoch-Geste in bestimmten Kulturen gar nicht verstanden wird. Für die Basisemotionen gilt jedoch, dass sie in allen Kulturen gleich ausgedrückt und verstanden werden, was die Vermutung nahelegt, dass der emotionale Ausdruck angeboren ist. So findet man geweitete Augen und einen geöffneten Mund als Ausdruck der Überraschung sowohl bei Erwachsenen aus Basel oder New York wie auch bei kleinen Kindern aus Hanoi und Sydney und sogar solchen Kindern, die blind und taub auf die Welt gekommen sind.

Lange Zeit hat man sich mit der Frage beschäftigt, ob auch der Stolz eine Basisemotion darstellt. Stolz ist eine Emotion, die etwas mit eigener Leistung zu tun hat und das Erleben von Stolz ist eine wichtige emotionale Voraussetzung für die Leistungsmotivation. Wenn wir stolz auf unsere Leistungen sein können, sind wird nicht mehr abhängig von unmittelbarer Belohnung und können nur so überhaupt langfristige Ziele verfolgen. Das alles würde dafür sprechen, dass Stolz eine Basisemotion ist und daher kulturunabhängig verstanden wird.

Dagegen würde sprechen, dass Stolzreaktionen relativ spät in der Kindheit auftauchen, recht komplexe Selbstbewertungsprozesse erfordern und dass Stolz sehr eng mit typisch westlichen Werten wie Individualität und Leistung verbunden ist. Damit wären der Ausdruck von Stolz – also ein erhobener Kopf, ein überlegenes Lächeln, ausgestreckte Brust und vielleicht die Arme an den Seiten angewinkelt – eher vergleichbar mit der Daumen-hoch-Geste, die nur in Kulturen verstanden wird, bei denen Leistungsstandards eine grosse Rolle spielen und die eben Wert auf den Leistungsvergleich zwischen Individuen legen.

Um der Frage nachzugehen, ob Stolz eine Basisemotion sein könnte, hat Jessica Tracy von der University of British Columbia (Kanada) eine Reihe von Studien durchgeführt, bei der sie beispielsweise Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund befragte oder Reaktionen von Siegern bei den Olympischen Spielen beobachtete. Eine methodisch besonders überzeugende Studie fand in einem abgelegenen Dorf in Burkina Faso statt. Dieses Land zählt zu den ärmsten und am meisten isolierten Ländern der Welt, weist eine Alphabetisierungsquote von nur etwa 25% auf und verfügt über nur einen einzigen Fernsehsender. Das Dorf, in dem Jessica Tracy ihre Untersuchung durchgeführt hat, hatte zudem keinen Zugang zum Strom und keinen direkten Anschluss an den Überlandbus. Wenn die Bewohner dieses, von der westlichen Kultur so isolierten Dorfes, Stolz benennen und den Ausdruck von Stolz erkennen sollten, wäre das ein sehr starker Beleg dafür, dass Stolz zu den Basisemotionen dazugehört. Es wäre nämlich sehr unwahrscheinlich, dass die Bewohner dieses Dorfes das Erleben und den Ausdruck von Stolz direkt von Vertretern der westliche Kultur oder vermittelt über westliche Medien gelernt und übernommen hätten.

Zunächst prüfte Jessica Tracy das Verständnis der Instruktion, indem sie den Studienteilnehmern Fotos von Prominenten aus dem westlichen Kulturkreis (etwa George W. Bush oder Michael Jordan) und aus Burkina Faso (Blaise Camore oder Thomas Sankara) zeigte. Während niemand die westlichen Prominenten benennen konnte, erkannten etwa zwei Drittel der Studienteilnehmer die Fotos der burkinesischen Politiker. Damit war nicht nur klar, dass die Studienteilnehmer mit fotografischen Abbildungen zurecht kamen, sondern auch, dass sie kaum Kontakt zum westlichen Kulturkreis hatten.

Im zweiten Schritt präsentierte Jessica Tracy Fotos von Männern und Frauen, die Ärger, Ekel, Furcht, Freude, Traurigkeit, Überraschung und auch Stolz ausdrückten und liess die Studienteilnehmer beschreiben, welche Emotionen auf diesen Fotos abgebildet war. Entsprechend ihrer Hypothese erkannten die meisten Studienteilnehmer die Darstellung von Stolz und das sogar häufiger als alle anderen Gesichtsausdrücke ausgenommen die Freude.

Die Ergebnisse dieser Studie reihen sich in Ergebnisse vieler weiterer Studien ein, die zeigen, dass die Stolzreaktion tatsächlich kulturunabhängig ist. Damit liegt die Vermutung nahe, dass es zutiefst menschlich ist, die Ergebnisse der eigenen Handlungen auf sich selbst zurückzuführen. Einerseits macht uns das unabhängig von externen Belohnungen, weil uns das positive Gefühl des Stolzes ausreicht. Andererseits erlaubt es uns, dieses positive Gefühl in Zukunft zu antizipieren und darauf hinzuarbeiten. Beides wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns langfristige Ziele setzen können und diese Fähigkeit haben unseres Wissens nach nur die Menschen, das aber weltweit.

Quelle: Tracy, J. L., & Robins, R. W. (2008). The nonverbal expression of pride: Evidence for cross-cultural recognition. Journal of Personality and Social Psychology, 94, 516-530.

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