Verfügbare Verlockungen sind weniger verlockend – Wie gegenläufige Selbstkontrolle uns hilft mit Versuchungen im Alltag umzugehen

von Dr. Kathrin Krause


Ein leckeres Dessert zu verspeisen, obwohl wir eigentlich schlank bleiben wollen, lieber einen Film schauen, anstatt früh ins Bett zu gehen, ein Buch lesen anstatt den Rasen zu mähen – Versuchungen begegnen uns überall im Alltag, und je verfügbarer solche attraktiven Alternativen erscheinen, desto eher werden wir schwach – oder?

Ganz so einfach scheint es nicht zu sein...

Die Forschenden Kristian Myrseth, Ayelet Fishbach und Yacoov Trope stellen das Konzept der gegenläufigen Selbstkontrolle vor. Es besagt, dass Personen, die während der Verfolgung eines Ziels mit einer Versuchung konfrontiert werden, den subjektiven Wert der Versuchung aktiv verringern, während sie den Wert des eigentlich angestrebten Ziels erhöhen. Myrseth und Kollegen argumentieren, dass wir einer Versuchung dann besonders gut widerstehen können, wenn sie besonders verfügbar ist. Gegenläufige Selbstkontrollprozesse sorgen dann dafür, dass eine Versuchung umso weniger wertvoll erscheint, je verfügbarer sie ist, während die Mittel, die mit dem Ziel selbst zu tun haben, attraktiver werden. Diesem Effekt zugrunde liegt die Theorie, dass Dinge, die weniger verfügbar sind als besonders wertvoll eingeschätzt werden, da es sie eben nicht immer oder nicht so häufig gibt.

In zwei Experimenten verfolgen die Forscher die These, dass gegenläufige Selbstkontrollprozesse dabei helfen, einer besonders verfügbaren Versuchung entgegen zu wirken: In der ersten Studie wurde Frauen, die gerade ein Fitnessstudio besucht hatten, je einen Teller mit Schoko- und einen mit gesunden Früchteriegeln präsentiert. In der ersten Bedingung bewerteten die Frauen die Riegel zunächst daraufhin, wie verlockend sie für sie waren. Danach durften sie einen der Teller auswählen. In der anderen Bedingung wählten die Teilnehmerinnen zunächst einen Teller aus und bewerteten die Riegel dann. Variiert wurde auch die Reihenfolge, welcher Teller zuerst bewertet wurde. Es zeigte sich, dass die Probandinnen die Schokoriegel als wesentlich weniger verlockend einstuften, wenn sie diese vor der eigentlichen Auswahl bewerteten. Hatten die Probandinnen sich bereits für einen Teller entschieden, bewerteten sie die Riegel als ähnlich verlockend. Die Forscher schliessen daraus, dass Selbstkontrolle, die vor der eigentlichen Wahl zwischen den beiden Riegeln aktiviert wird, den Wert der gesunden Riegel steigerte. Dieses Muster zeigte sich jedoch nicht mehr, wenn die Probandinnen bereits ausgewählt hatten.

In einem zweiten Experiment mit Studierenden wurde untersucht, ob es für das Konzept der gegenläufigen Selbstkontrolle einen Unterschied macht, ob eine Entscheidung umkehrbar oder endgültig ist. Dazu schätzten Studierende den Wert von Freizeitaktivitäten im Vergleich zum Besuch von uninteressanten Universitätskursen ein. Eine Gruppe nahm die Einschätzung vor, solange der Kurs noch abgewählt werden konnte, in der anderen Gruppe wurde die Einschätzung erst vorgenommen, nachdem der Kurs nicht mehr abgewählt werden konnte. Die Forschenden fanden heraus, dass Studierende Freizeitaktivitäten nur dann geringer bewerteten als einen uninteressanten Universitätskurs, wenn sie sich noch entscheiden konnten, den Kurs abzuwählen. War die Deadline für eine Abwahl des Kurses bereits verstrichen, schätzten die Studierenden Freizeitaktivitäten im Vergleich zum Besuch des Kurses als gleichwertig ein.

Kann man aus den Ergebnissen nun schlussfolgern, dass Versuchungen immer möglichst zugänglich sein sollten, das heisst, dass man jemandem, der eigentlich abnehmen möchte, den Nachtisch direkt auf den Tisch stellen sollte? Die Forschenden weisen darauf hin, dass dies zwar nicht immer der Fall ist, dass es jedoch durchaus Situationen geben kann, in denen gegenläufige Selbstkontrollprozesse uns dabei helfen können, Versuchungen aktiv zu widerstehen, gerade weil diese verfügbar sind.

Quelle: Myrseth, K. R. O., Fishbach, A., & Trope, Y. (2009). Counteractive self-control – when making temptation available makes temptation less tempting. Psychological Science, 20, 159-163.

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