Schadenfreude als Regulator von sozialen Dominanzverhältnissen?

von Laura Almeling

 

Nicht immer lösen das Missgeschick oder Unglück anderer bei uns Mitgefühl oder Verständnis aus. Wer kennt es nicht das Gefühl der Genugtuung, wenn ein Raser auf der Autobahn in eine Radarfalle tappt? Recht geschieht es dem, der sich so aufspielt. Die sogenannte Schadenfreude empfinden wir vor allem, wenn uns die betroffene Person unsympathisch ist oder auch wenn wir neidisch auf sie sind. Schadenfreude kann klammheimlich empfunden oder auch mit anderen geteilt werden.

Von der eigenen Genugtuung abgesehen: Hat Schadenfreude auch Auswirkung auf die vom Unglück bzw. Missgeschick betroffene Person? Jens Lange von der Universität Amsterdam und Lea Boecker von der Universität Köln untersuchten die soziale Funktion von Schadenfreude mit mehreren Experimenten. Sie testeten, ob öffentlich zur Schau gestellte Schadenfreude die Dominanz einer zuvor erfolgreichen Person reduziert. Die Studienteilnehmenden wurden gebeten sich das folgende Szenario vorzustellen: Ein «Akteur» (Lisa bzw. Matt) nimmt an einem Seminar mit regelmässigen Prüfungen teil, wobei jemand anderes in den Prüfungen immer besser abschneidet – der sogenannte «Star». Dann schauten die Teilnehmenden einen Videoclip, der zeigt, wie der «Star» anmassend und arrogant auf die Verkündung der Prüfungsergebnisse reagiert. Danach wurden die Teilnehmenden gebeten zu bewerten, für wie dominant sie den «Star» im sozialen Umgang einschätzten. Beispielsweise wurden sie gefragt wie sehr sie der Aussage «Andere Seminarteilnehmende wissen, dass es besser ist dem «Star» seinen Willen zu lassen.», zustimmten. Daraufhin wurden die Studienteilnehmenden gebeten sich vorzustellen, dass der «Star» in der nächsten Prüfung versagt. Anschliessend wurden ihnen Videoclips gezeigt, die eine der drei folgenden Reaktionen des «Akteurs» im Seminar zeigten: (a) unverhohlene Schadenfreude begleitet von Fingerzeigen, (b) verlegenes Schweigen, (c) heimliche Schadenfreude hinter vorgehaltener Hand. Schliesslich wurden die Studienteilnehmenden erneut gebeten die soziale Dominanz des «Stars» zu bewerten. Wie erwartet wurde der gescheiterte «Star» von Studienteilnehmenden, die den Videoclip mit der unverhohlenen Schadenfreude gesehen hatten, als weniger dominant bewertet, als vor dem Anschauen des Videoclips. Diejenigen, die den Videoclip des lediglich verlegen schweigenden «Akteurs» gesehen hatten, bewerteten den gescheiterten «Star» als unverändert in seiner sozialen Dominanz. Überraschenderweise bewerteten auch diejenigen, die den Videoclip der heimlichen Schadenfreude eines Seminarteilnehmenden gesehen hatten, im Anschluss den gescheiterten «Star» als weniger dominant. Die Forschenden mutmassten, dass der Videoclip, der die heimliche Schadenfreude zeigen sollte, von den Studienteilnehmenden als öffentlich dargestellte Schadenfreude wahrgenommen wurde – wenn auch hinter vorgehaltener Hand, so wurde doch in Anwesenheit des gescheiterten «Stars» gelacht. In einem weiteren Experiment wurde den Studienteilnehmenden lediglich beschrieben, wie der «Akteur» und die Seminarteilnehmenden auf das Prüfungsversagen des «Stars» reagierten. Hier zeigte sich der erwartete Effekt. Schadenfreude scheint also nur die soziale Dominanz einer vormals überlegenen Person zu erniedrigen, wenn sie mit anderen unverhohlen vor der betroffenen Person geteilt wird.

Zusammenfassend scheint öffentlich geteilte Schadenfreude einen regulierenden Einfluss auf die sozialen Dominanzverhältnisse zu haben. Überlegene Personen könnten dadurch in den Augen anderer in ihrem Dominanzstatus auf ein durchschnittlicheres Mass zurechtgestutzt werden. Vermutlich sähen die Ergebnisse aber anders aus, wenn das Unglück des vorherigen Überfliegers als nicht verdient wahrgenommen werden würde. In solchen Situationen könnte sich der Spiess leicht umdrehen, sodass der schadenfreudig Lachende am Ende selbst einen sozialen Statusverlust erleidet.

 

 

 

Literaturangaben:

Lange, J., & Boecker, L. (2019). Schadenfreude as social-functional dominance regulator. Emotion, 19(3), 489–502. http://dx.doi.org/10.1037/emo0000454 

 

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