Anruf eines Phantoms: Tastsinn auf Abwegen!

von Josua Schmeitzky, MSc


Mit feuriger Leidenschaft schreibe ich die Ausführungen der Dozentin nieder, als mich plötzlich mein Handy aus meinem tranceartigen Notizeifer reisst. Reflexartig greife ich in meine Hosentasche und denke noch dabei “hier unten im Vorlesungssaal habe ich ja gar keinen Empfang”. Zu spät! Bevor mir bewusst wird, dass ich ja sowieso keine Anrufe empfangen kann, starre ich auf das ereignislose Display. Wie auch 89 Prozent der Studierenden, die an der Befragung von Drouib, Kaiser und Miller teilnahmen, nahm auch ich fälschlicherweise an, den Vibrationsalarm meines Handys zu verspüren. Dieses eher junge Phänomen in der Wahrnehmungspsychologie ist auch unter dem Begriff “Phantom-Vibration” bekannt. Dabei handelt es sich in erster Linie um eine Missinterpretation eines tatsächlich vorhandenen sensorischen Reizes (z.B. Reiben der Kleidung gegen die Haut oder Muskelzucken). Es kann aber auch vorkommen, dass in Abwesenheit eines Reizes eine vermeintliche Vibration wahrgenommen wird. In diesem Fall handelt es sich um eine taktile Halluzination.

Diesen Phantom-Vibrationen liegt weniger eine Wahnvorstellung zu Grunde, als viel eher die menschliche Lernfähigkeit. Wie bei Pawlows Hund lernen Menschen nach dem Prinzip der klassischen Konditionierung, den Vibrationsalarm mit sozialer Kommunikation zu assoziieren. Dadurch entwickelt sich eine erhöhte Sensibilität gegenüber vibrationsähnlichen Reizen. Diese Hypersensibilität führt schliesslich zu einer erhöhten Fehlerquote bei der Interpretation solcher Reize. Dabei unterscheidet sich jedoch die Dauer dieses Lernprozesses enorm. So gaben 17 Prozent der Befragten an, diese Phantom-Vibrationen schon einen Monat nach dem Gebrauch eines Handys mit Vibrationsalarm zu verspüren. Bei 23 Prozent hingegen dauerte dies länger als ein Jahr.

Weiterhin gibt es auch starke Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit, mit der diese Phantom-Vibrationen verspürt werden. So wurden 33 Prozent der Befragten im Durchschnitt einmal pro Monat von einer Phantom-Vibration heimgesucht. Bei lediglich zwei Prozent scheinen Phantom-Vibrationen in einem extensiven Ausmass, mehrmals täglich, vorzukommen. Wie oft eine Phantom-Vibration wahrgenommen wird, hängt unter anderem von der Handynutzung ab. Je öfter ich den Vibrationsalarm tatsächlich verspüre, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich vibrationsähnliche Reize falsch interpretiere. Des Weiteren stellt sich auch noch die Frage: Gibt es Personen, die zur vermehrten Wahrnehmung von Phantom-Vibrationen neigen? Um diese Frage zu beantworten, wurden die Persönlichkeitsmerkmale der Befragten erhoben. Wie sich herausstellte, verspüren Personen mit einer geringen Gewissenhaftigkeit häufiger Phantom-Vibrationen als Personen mit einer hohen Gewissenhaftigkeit. Da gewissenhafte Menschen ein hohes Mass an Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit aufweisen, neigen sie weniger dazu, von irrelevanten Reizen abgelenkt zu werden.

Im Endeffekt scheinen sich jedoch die wenigsten von solchen vermeintlichen Vibrationen belästigt zu fühlen. Ganz im Gegenteil, die meisten Befragten betrachteten dieses Phänomen als normalen Aspekt der Mensch-Handy-Interaktion. Lediglich neun Prozent empfanden Phantom-Vibrationen als störend. Auch hier scheinen sich die Befragten aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale zu unterscheiden. So bezeichneten vor allem Personen mit einer geringen emotionalen Stabilität Phantom-Vibrationen als besonders lästig.

Die Ergebnisse von Drouib, Kaiser und Miller deuten darauf hin, dass das Verspüren von Phantom-Vibrationen bei jungen Erwachsenen ein weit verbreitetes Phänomen ist. Sowohl die Häufigkeit von Phantom-Vibrationen als auch deren empfundene Lästigkeit scheint durch Persönlichkeitsmerkmale beeinflusst zu sein. Da es sich in den meisten Fällen nicht um eine Wahnvorstellung handelt und dieses Phänomen von den meisten als nicht besonders störend empfunden wird, scheint es sich hierbei um einen harmlosen Wahrnehmungsfehler zu handeln. Dementsprechend wird sich auch das Angebot, Phantom-Vibrationen zu beheben, in Grenzen halten.

Quelle: Drouin, M., Kaiser, D. H., & Miller, D. A. (2012). Phantom vibrations among undergraduates: Prevalence and associated psychological characteristics. Computers in Human Behavior, 24, 67-86.

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.