Ängstlich, nervös, angespannt und traurig... – ein Leben lang?!

von Dr. Simone Schoch


Bisherige Persönlichkeitsforschung hat gezeigt, dass Persönlichkeitseigenschaften über das Erwachsenenalter relativ stabil bleiben. So sind zum Beispiel extravertierte junge Erwachsene mit grosser Wahrscheinlichkeit auch im Alter noch sehr gesellig, aktiv und gesprächig. Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen unter anderem auch, wie wir uns fühlen. So erleben extravertierte Personen häufiger positive Gefühle wie Glück und Freude, neurotische Personen hingegen, erleben mehr Gefühle wie Angst, Anspannung und Trauer. Basierend auf diesen Forschungsergebnissen könnte man annehmen, dass die Persönlichkeit ein Leben lang bestimmt, wie sich Menschen fühlen. Forscher aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie haben jedoch herausgefunden, dass ältere Menschen motivierter sind ihre Gefühle zu regulieren. Es wird angenommen, dass ältere Erwachsene stärker dafür sorgen, ihre negativen Gefühle zu reduzieren und positive Gefühle zu maximieren.

Wie passen diese beiden Forschungsstränge zueinander? Die amerikanischen Forscher Rebecca E. Ready und Michael D. Robinson widmeten sich dieser Frage. Basierend auf den erwähnten Forschungsergebnissen untersuchten sie, ob die fünf Persönlichkeitseigenschaften Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit das emotionale Erleben über das Erwachsenenalter hinweg auf dieselbe Art und Weise beeinflusst oder nicht. 44 junge Erwachsene mit einem durchschnittlichen Alter von 20 Jahren und 60 ältere Erwachsene mit einem Altersdurchschnitt von 75 Jahren nahmen an der Studie teil. Die Persönlichkeitseigenschaften wurden mit einem Fragebogen erhoben. Zudem mussten die Teilnehmer angeben, wie oft sie 30 positive und 30 negative Gefühle im Allgemeinen und heute erlebt haben.

Die Ergebnisse bestätigten die Befunde der Persönlichkeitsforschung und Entwicklungspsychologie: Die jungen und älteren Teilnehmenden unterschieden sich weitgehend nicht bezüglich der Ausprägung ihrer Persönlichkeit – einzig im Neurotizimus wurde ein Altersunterschied gefunden: Ältere Erwachsene hatten eine tiefere Ausprägung auf dieser Persönlichkeitsskala. Bezüglich der Gefühle bestätigten sich die erwarteten Altersunterschiede: Ältere Erwachsene berichteten im Vergleich zu jungen Erwachsenen weniger von negativen Gefühlen und häufiger von positiven Gefühlen.

Doch wie sieht jetzt der Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit und dem emotionalen Erleben über das Erwachsenenalter aus? Hier konnten die Forscher zeigen, dass die Persönlichkeitseigenschaften im Alter einen geringeren Einfluss auf das emotionale Erleben hatte. Dieser Befund war für die negativen Gefühle besonders stark.

Zusammenfassend weisen diese Befunde darauf hin, dass obwohl die Persönlichkeit über das Erwachsenenalter stabil zu bleiben scheint, der Einfluss der Persönlichkeit auf das Erleben von Gefühlen über das Alter hinweg abnimmt. Die Forschungsbefunde stimmen insgesamt positiv: Auch wer in jungen Jahren häufig ängstlich, nervös, angespannt und traurig ist, hat gute Chancen in späteren Jahren glücklich und zufrieden zu sein!


Quelle:

Ready, R. E., & Robinson, M. D. (2008). Do older individuals adapt to their traits?: Personality-emotion relations among younger and older adults. Journal of Research in Personality, 42, 1020-1030.


Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.