Oxytocin reduziert Fremdenfeindlichkeit

von Dr. Oliver Kaftan

 

Oxytocin ist ein Hormon, das bei zahlreichen Vorgängen in unserem Körper eine bedeutende Rolle spielt. Zusammen mit anderen Hormonen reguliert es beispielsweise bei werdenden Müttern den Beginn des Geburtsvorgangs sowie die Absonderung der Milch. Beim Stillen verringert Oxytocin den Blutdruck und den Spiegel des Stresshormons Kortisol, weshalb ein Oxytocinanstieg mit einer angenehmen Stimmung einhergeht und die emotionale Bindung der Mutter an das Kind stärkt.
Die vertrauensfördernde Wirkung von Oxytocin beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Mutter-Kind-Beziehung. So steigt der Oxytocinspiegel im Blut etwa auch bei angenehmen Körperkontakten wie Umarmungen und Zärtlichkeiten sowie beim Sex bzw. Orgasmus. Kein Wunder also ist in der öffentlichen Berichterstattung über Oxytocin oft vom „Kuschelhormon“ die Rede.

Weniger Berichte liest man hingegen darüber, dass die Verabreichung von Oxytocin zu konformerem Verhalten führt, Personen sich also stärker in Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Normen verhalten. Sie werden sozialer, grosszügiger, mitfühlender und kooperativer – handeln also entsprechend unseren gesellschaftlichen Normen. Folglich hatten Nina Marsh und ihre Kollegen die Vermutung, dass sich Personen nach der Verabreichung von Oxytocin auch spendenfreudiger gegenüber Migranten zeigen, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass es eine soziale Norm gibt anderen zu helfen.

Konkret gaben die Forscher in einem ersten Experiment, das als Voruntersuchung diente, 76 Versuchspersonen jeweils 50 Euro und legten ihnen 50 Beschreibungen von in Armut lebenden, hilfsbedürftigen Personen vor, wobei es sich bei der Hälfte der beschriebenen Personen um Einheimische und bei der anderen Hälfte um Flüchtlinge handelte. In den Beschreibungen konnten die Versuchspersonen über die persönlichen Bedürfnisse der Personen lesen (z.B. Zugang zu Essen und Teilnahme am sozialen Leben). Anschliessend mussten sie entscheiden, wie viel sie der jeweiligen Person spenden möchten. Pro Person konnten sie jeweils maximal einen Euro spenden und alles nicht gespendete Geld konnten sie für sich behalten. Die Aufgabe erledigten dabei alle Versuchspersonen zusammen im selben Raum, damit so etwas wie eine soziale Norm entstand bzw. sich potentielle Spender auch grosszügiger verhielten. Insgesamt spendeten die Versuchspersonen 30% des Geldes, wobei sie 19% mehr an Flüchtlinge als an Einheimische spendeten. Zusätzlich erfassten die Forscher die Vorurteile der Versuchspersonen gegenüber Flüchtlingen. Je stärker diese ausgeprägt waren, umso schwächer war die Neigung der Versuchspersonen Flüchtlingen mehr zu spenden als Einheimischen. Mit anderen Worten spendeten Personen mit relativ starken Vorurteilen Flüchtlingen in etwa gleich viel wie Einheimischen.

In einem zweiten Experiment mit 107 neuen Versuchspersonen testeten Marsh und Kollegen sodann die Auswirkung von Oxytocin auf die Spendenbereitschaft. Alle Versuchspersonen gaben zunächst wieder Auskunft über ihre Einstellung gegenüber Flüchtlingen. Anschliessend verabreichte sich eine Hälfte der Versuchspersonen ein Nasenspray, das Oxytocin enthielt; die andere Hälfte ein Nasenspray ohne Oxytocin (Kontrollgruppe). Schliesslich bearbeiteten alle Probanden getrennt voneinander dieselbe Spendenaufgabe wie im ersten Experiment. Die Auswertung der Ergebnisse zeigte, dass die Bereitschaft zu spenden unter Einfluss des Oxytocins sich mehr als verdoppelte in der Gruppe von Personen, die eingangs tendenziell über eine positive Einstellung gegenüber Flüchtlingen berichtet hatte. Das Oxytocin hatte demgegenüber keinen Einfluss auf das Spendenverhalten von Personen mit einer eher negativen Einstellung: Sie spendeten genau gleich wenig wie Personen, die sich das Nasenspray ohne Oxytocin verbreicht hatten. Wie im ersten Experiment zeigten Personen mit stärkeren Vorurteilen ferner keine Präferenz für Flüchtlinge gegenüber Einheimischen. Zusammengefasst zeigte dieses zweite Experiment also, dass die Verabreichung von Oxytocin bei fremdenfeindlichen Personen keine altruistische Haltung zu erzeugen vermag bzw. das Hormon die Grosszügigkeit gegenüber Bedürftigen nur dann verstärkt, wenn bereits eine altruistische Grundhaltung besteht.

Was geschieht aber wenn man Menschen mit einer tendenziell fremdenfeindlichen Haltung zusätzlich darauf aufmerksam macht, dass es eine soziale Norm gibt, anderen zu helfen? Die Probanden aus dem zweiten Experiment bekamen im dritten Experiment erneut die 50 Beschreibungen der Hilfsbedürftigen vorgelegt, nun jedoch mit dem jeweiligen durchschnittlichen Spendenbetrag ihrer Vorgänger aus dem ersten Experiment, die sich ja relativ grosszügig gegenüber Flüchtlingen gezeigt und für diese durchschnittlich sogar mehr gespendet hatten als für einheimische Bedürftige. Erstaunlicherweise zeigte sich, dass Personen mit einer an sich negativen Grundeinstellung gegenüber Flüchtlingen nach der Verabreichung von Oxytocin nun 74 Prozent mehr an Flüchtlinge spendeten als im zweiten Experiment.

Die Ergebnisse dieser Studie legen folglich nahe, dass man der Skepsis gegenüber Migranten durch eine Kombination von Oxytocin und sozialen Normen begegnen könnte. Die Forscher gehen davon aus, dass das Zusammenbringen von fremdenfeindlichen Personen mit Personen mit positiveren Einstellungen im Rahmen von gemeinsamen Aktivitäten (z.B. Singen in einem Chor) die natürliche Oxytocinausschüttung fördern und Ängste abmildern würde. Da der erhöhte Oxytocinspiegel dazu führt, dass man sich stärker im Einklang mit sozialen Normen verhält, würden sich fremdenfeindliche Personen in der Folge wahrscheinlich prosozialer verhalten, sofern ihr Umfeld ihre positive Einstellung gegenüber Flüchtlingen öffentlich macht, an den Altruismus appelliert bzw. ihnen bewusst macht, dass es eine soziale Norm gibt, Hilfsbedürftigen zu helfen.

 

 

Literaturangaben:

Marsh, N., Scheele, D., Feinstein, J. S., Gerhardt, H., Strang, S., Maier, W., & Hurlemann, R. (2017). Oxytocin-enforced norm compliance reduces xenophobic outgroup rejection. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114, 9314–9319. https://doi.org/10.1073/pnas.1705853114

 

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