Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

von Dr. Jana Nikitin

 

Woher kommt die Intelligenz? Ist sie angeboren oder erlernt? Ist sie „gegeben“ oder kann sie verändert werden? Jeder von uns hat eine eigene Theorie über die Intelligenz. Manche Menschen glauben, Intelligenz sei angeboren, es gäbe mehr oder weniger intelligente Menschen und daran könne man wenig ändern. Manche hätten halt Glück, andere Pech. Fehler seien ein Zeichen mangelnder Intelligenz. Andere Menschen glauben dagegen, Intelligenz sei veränderbar. Jeder könne viel leisten, wenn er sich nur genug und lange anstrenge. Aus Fehlern könne man lernen, an Rückschlägen wachsen.

Welche Auffassung von Intelligenz man hat, hat Folgen für die eigene Leistung. Menschen, die Intelligenz als angeboren verstehen, strengen sich bei Schwierigkeiten weniger an als diejenigen, die glauben, Intelligenz sei erlernbar. Ist Intelligenz angeboren, bringt Anstrengung bei Rückschlägen wenig. Man hat einfach seine Grenzen. Wenn aber Intelligenz veränderbar ist, kann man durch Rückschläge lernen, sich weiterentwickeln.

Was wir über Intelligenz denken, beeinflusst also unsere Leistung. Was beeinflusst aber unsere Auffassung von Intelligenz? Woher kommt diese Auffassung?

Es liegt die Vermutung nahe, dass dabei die Eltern eine wichtige Rolle spielen. Wie Eltern auf die Fehler ihrer Kinder reagieren, könnte dazu beitragen, welche Auffassung von Intelligenz die Kinder entwickeln. Denken die Eltern, dass Fehler eine Chance fürs Lernen sind, werden ihre Kinder diese Sicht übernehmen und Intelligenz als erlernbar und für veränderbar halten. Betrachten dagegen die Eltern Fehler als ein Zeichen von mangelnder Begabung, werden auch ihre Kinder schwierige Aufgaben als den Prüfstein der eigenen Intelligenz verstehen und sie meiden oder schnell aufgeben. Diese Vermutung haben Kyla Haimovitz und Carol Dweck von der Stanford University in vier Studien untersucht.

In der ersten Studie wurden Eltern gefragt, wie sie zu Fehlern stehen. Ermöglichen Fehler Lernen und Wachstum? Oder sind sie eher hinderlich für die Leistung und Produktivität? Bieten Schwierigkeiten eine Chance zum Lernen oder signalisieren sie mangelnde Begabung? Die Kinder gaben ihrerseits an, inwieweit man verändern kann, wie klug man ist (also ihre Auffassung von Intelligenz). Es zeigte sich, dass je mehr die Eltern Fehler als Chance verstanden, desto eher sahen die Kinder Intelligenz als veränderbar. Wenn Eltern die Leistung ihrer Kinder als Zeichen einer (mangelnden) Begabung verstanden, entwickelten die Kinder dagegen die Auffassung, Intelligenz sei etwas Fixes, das man allenfalls prüfen, aber nicht verändern kann.

Die zweite Studie untersuchte, wie Eltern reagieren, wenn Kinder Fehler machen. Eltern, die Fehler als ein Zeichen von mangelnder Intelligenz verstanden, haben ihre Kinder getröstet und ermutigten ihre Kinder, sich nichts daraus zu machen, dass sie nicht genug Begabung haben. Die anderen Eltern, welche Fehler als Chance sahen, haben dagegen mit ihren Kindern besprochen, was sie aus den Fehlern lernen können und wie sie sich in Zukunft verbessern können. Eine weitere Studie bestätigte, dass Kinder diese Reaktionen ihrer Eltern aufnehmen und die entsprechende Auffassung von Intelligenz entwickeln.

Die vierte Studie bestätigte die Relevanz der Einstellung der Eltern in einem Experiment, in dem die Auffassung von Fehlern bei den Eltern durch einen manipulierten Fragebogen kurzfristig verändert wurde. Die Eltern sollten sich danach vorstellen, ihr Kind würde aus der Schule mit einer schlechten Note nach Hause kommen. Wie würden sie reagieren? Eltern, die angeleitet wurden zu denken, dass Fehler mangelnde Intelligenz bedeuten, haben wie erwartet das Kind getröstet, es aufgemuntert die Note (nicht die Leistung oder das Verständnis des Stoffes) zu verbessern, haben gefragt, wie die anderen Kinder abgeschlossen hätten (also das Kind mit den anderen Kindern verglichen) und sie haben sich selber schlecht gefühlt, weil ihr Kind „versagt“ hat. Eltern dagegen, die dazu angeleitet wurden, Fehler als Chance zu verstehen, haben das Kind ermutigt, sich mehr anzustrengen, haben mit dem Kind Strategien für eine Verbesserung ausgearbeitet, haben das Kind gefragt, ob ihm das Lernen Spass mache und es Interesse an dem Stoff habe, und haben dem Kind zu verstehen gegeben, dass Menschen durch Fehler lernen.

„Du bist ein kluges Kind!“, „Mädchen sind in Mathe halt schlechter als Jungs“, „Peter war der beste in seiner Klasse!“. Immer wieder hören wir solche Aussagen, oft machen wir sie sogar selber, ohne zu wissen, dass unsere Kinder dadurch Theorien über Intelligenz entwickeln, die ihnen schaden können, weil sie Fehler nicht als Herausforderung und Möglichkeit zum Wachstum zu verstehen lernen, sondern als Zeichen von Versagen, mangelnder Begabung und tiefer Intelligenz. Probieren Sie deshalb, wenn Ihre Tochter oder Ihr Sohn das nächste Mal mit einer schlechten Note aus der Schule kommen, oder wenn ihnen auch zum zehnten Mal etwas nicht gelingen mag, keinen Intelligenztest daraus zu machen. Ermuntern Sie Ihre Kinder lieber zum Weitermachen. Machen Sie Ihren Kindern verständlich, dass man ohne Fehler nicht lernen kann. Ihre Kinder werden davon profitieren, werden lernen, dass man sich durch Anstrengung verbessern kann und dass Fehler gut sind. Dass eben noch kein Meister vom Himmel gefallen ist.

 

Quellen:

Haimovitz, K., & Dweck, C. S. (2016). What predicts children’s fixed and growth intelligence mind-sets? Not their parents’ views of intelligence but their parents’ view of failure. Psychological Science, advanced online publication.
 

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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