Todesstrafe für Schwarze, wenn sie Weisse töten

von Dr. Jana Nikitin


In Anbetracht der neulich geführten Diskussion zur Wiedereinführung der Todesstrafe in der Schweiz bringt psychologische Forschung Impulse zum Nachdenken. Amerikanische Forscher einiger renommierter Universitäten haben kürzlich herausgefunden, dass besonders stereotype Afroamerikanier häufiger mit dem Tod bestraft werden als weniger stereotype.

Wissenschaftler sind sich schon seit Jahren einig: Die Rasse spielt bei der Verhängung der Todesstrafe eine bedeutende Rolle. Mörder von weissen Opfern werden konstant häufiger zum Tode verurteilt als Mörder von schwarzen Opfern, und schwarze Täter werden öfter mit dem Tod bestraft als weisse Täter.

Je stereotyper ein Afroamerikaner aussieht (d.h. eine breite Nase, dicke Lippen und dunkle Haut hat), desto eher werden ihm Eigenschaften unterstellt, die mit den Schwarzen in Verbindung gebracht werden, insbesondere kriminelle Neigungen. Es gilt: je dunkelhäutiger, desto vermeintlich krimineller. Die Forscher sind deshalb der Frage nachgegangen, ob das Stereotyp des Aussehens auch bei der Verhängung der Todesstrafe eine Rolle spiele. Zu diesem Zweck haben sie Photos von Angeklagten ausgesucht, die zwischen 1979 und 1999 in Philadelphia einen Mord begangen haben. Alle Täter waren Afroamerikaner.

Die Photos wurden zuerst von mehreren Dutzend Personen dahingehend beurteilt, wie stereotyp die Abgebildeten aussahen. Danach haben die Forscher untersucht, ob das stereotype Aussehen als Schwarzer eine Rolle bei der Verhängung der Todesstrafe spielte.

Die Ergebnisse waren frappant: Auch nach der Kontrolle aller bekannten Faktoren, die bei der Todesstrafe eine Rolle spielen (z.B. erschwerende und mildernde Umstände, Schweregrad des Mordes und sozioökonomischer Status von Täter und Opfer) wurden die Mörder von weissen Opfern häufiger mit dem Tod bestraft, wenn sie stereotyp schwarz aussahen (in 57,5% der Fälle), als wenn sie nicht ein stereotypes Erscheinungsbild besassen (in 24,4% der Fälle).

Dieser Unterschied war nur zu finden, wenn die Opfer weiss waren. Bei den schwarzen Ermordeten hatte bei der Verhängung der Todesstrafe das Aussehen der Täter keine Rolle gespielt. Die Forscher erklären diesen Unterschied damit, dass eher auf zwischenmenschliche Probleme geschlossen wird, wenn Opfer und Täter die gleiche Rasse haben, als wenn Opfer und Täter unterschiedlichen Rassen angehören. Zudem wird vermutlich einem farbigen Opfer schneller Eigenverschulden unterstellt als einem weissen Opfer.

Diese Studie zeigt, dass die Todesstrafe oft keine «klare» und «transparente» Entscheidung ist, sondern dass der Entscheid von vielen Faktoren abhängt. Faktoren, die zum Teil mit der Schuld des Angeklagten nichts zu tun haben.


Quelle: Eberhadt, J. L., Davies, P. G., Purdie-Vaughns, V. J., & Johnson, S. L. (2006). Looking deathworthy. Perceived stereotypicality of Black defendants predicts capital-sentencing outcomes. Psychological Science, 17, 383–386.


Beispiel eines wenig stereotypen (links) und sehr stereotypen (rechts) Afroamerikaners (aus Eberhardt et al., 2006). Dieses Beispiel dient nur der Illustration und stammt nicht von kriminellen Personen.



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