Ein Blick sagt mehr als viele Worte

von Dr. Regula Gasser


Sicher haben wir schon alle einmal festgestellt, dass der Blick des anderen eine besondere Bedeutung für uns hat. Es löst ganz unterschiedliche Reaktionen in uns aus, wenn wir in die Augen unseres Geliebten oder in diejenigen eines verärgerten Kollegen schauen. Auch im Alltag nutzen wir Blicke zur Steuerung von Gesprächen. Zum Beispiel reisst man die Augen besonders weit auf, um auf wichtige Informationen hinzuweisen. Wie wir wann wohin schauen, folgt bestimmten Regeln, die wir anwenden und wahrnehmen, ohne dass wir besonders darüber nachdenken oder diese uns bewusst sind. Man weiss einfach, wie man schauen soll, wenn man Erstaunen oder Mitleid ausdrücken will und das Gegenüber erkennt dies auch mühelos. Die augenscheinliche Leichtigkeit, mit der solche Prozesse ablaufen, täuscht allerdings darüber hinweg, dass reibungslose zwischenmenschliche Beziehungen häufig sehr komplexe Fähigkeiten voraussetzen. Auffällig wird diese Komplexität erst, wenn die Beziehung eben nicht mehr reibungslos läuft, wie es z.B. bei Menschen mit Autismus der Fall ist.

Neuere Studien haben sich deshalb mit der Frage befasst, welche Abläufe stattfinden, wenn Menschen miteinander sprechen und in Kontakt stehen. Dabei hat man festgestellt, dass die beobachtete Bewegung von anderen unter bestimmten Umständen die eigene Körperbewegung beeinflussen kann. Einige Arbeiten konnten nachweisen, dass die Aufmerksamkeit und die Augenbewegungen eines Beobachters den Blicken beobachteter Gesprächspartner folgen. Dabei können verschiedene Formen und Merkmale aus der Umgebung die Blickrichtung des Interaktionspartners ebenfalls bestimmen.

Die Anwesenheit anderer übt also einen grossen Einfluss auf das eigene Verhalten aus. So übernehmen Menschen durch die Beobachtung nicht nur spontan die Perspektive von anderen Menschen, sondern richten ihre Aufmerksamkeit auch deren Blickrichtung entsprechend aus. Die dazu nötigen Informationen werden neben der Kopf- und Körperposition vor allem über die Augen gewonnen und können durch Merkmale aus der Umgebung zusätzlich beeinflusst werden. Für die Verarbeitung von Augeninformationen ist ein neuronales System zuständig, das neben der Blickrichtung auch Emotionen und die Identität unseres Gegenübers verarbeitet. Dies zeigt, welch wichtige Rolle Augenbewegungen in verschiedenen Alltagssituationen spielen können.



Quelle: Wiese, E., Zwickel, J. & Müller, H.J. (2010). In-Mind Magazine, 2/2010.



Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.