Ziele aufzugeben kann durchaus die richtige Strategie sein

von Dr. Simone Schoch


Ratgeberbücher suggerieren häufig, dass die wahrhaft erfolgreichen Menschen unbeirrt an ihren Zielen festhalten, auch wenn sich Hindernisse in den Weg stellen, Rückschläge erlitten werden oder das Erreichen des Ziels so gut wie unmöglich scheint. Romane und Kinofilmen erzählen die Legenden dieser Menschen, die allen Problemen zum Trotz auch aus scheinbar hoffnungslosen Lagen ihre Ziele meistern. Aber ist dies wirklich immer eine gute Strategie? Macht es Menschen glücklicher und erfolgreicher, wenn sie ihre Ziele trotz Widerständen so vehement verfolgen? Was ist mit einem Skirennfahrer, der sich nach einem Sturz so stark verletzt hat, dass sein Bein amputiert werden muss? Soll er nach neuen Wegen suchen, doch noch – vielleicht mit einer Prothese – an den Olympischen Winterspielen teilzunehmen? Oder was ist mit dem erfolgreichen Manager, dessen Pensionierung näher rückt – soll er sich in einem Land, das keine zwingenden Pensionierungsalter kennt in einem anderen Betrieb eine neue Stelle suchen?

Kanadische Motivationsforscher haben herausgefunden, dass es in genau solchen Situationen wichtig sein kann, sich von seinen ursprünglichen Zielen zu lösen. Versuchen wir. unbeirrt an unrealistischen Zielen festzuhalten. und können diese doch nicht erreichen, so führt dies zu vermindertem Wohlbefinden und psychischem Stress. Die Forscher Carsten Wrosch, Michael F. Scheier, Gregory E. Miller, Richard Schulz und Charles S. Carver untersuchten den Zusammenhang zwischen der Zielablösung, dem Setzen von neuen Zielen und dem subjektiven Wohlbefinden. Die Autoren stellten die Hypothese auf, dass Menschen, die sich leichter von unerreichbaren Zielen lösen können. über höheres subjektives Wohlbefinden berichten als Menschen, die hartnäckig an ihren Zielen festhalten. Weiter nahmen sie an, dass vor allem die Orientierung an neuen Zielen helfen kann, sich von unerreichbaren Zielen zu lösen. Auf den Manager bezogen, der kurz vor seiner Pensionierung steht, bedeutet dies, dass er sich leichter von seinen beruflichen Zielen lösen kann, wenn er sich dafür neue, realistische Ziele setzt. Ein solches Ziel könnte zum Beispiel sein: «Ich engagiere mich aktiv im Sportverein».

Um diese Annahmen zu überprüfen, führten die Forscher drei Studien durch. In der ersten Studie wurden junge Studierende befragt, in der zweiten junge und ältere Erwachsene. In der dritten Studie wurden Eltern krebskranker Kinder mit Eltern von medizinisch gesunden Kindern verglichen. Immer untersuchten die Forscher den Zusammenhang zwischen der Ablösung von unrealistischen Zielen, dem Setzen von neuen Zielen und dem Wohlbefinden. Die Studien zeigten, dass sowohl die Fähigkeit, sich von unerreichbaren Zielen lösen zu können, als auch die Orientierung hin zu neuen, realistischen Zielen einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden haben. Die Autoren heben hervor, dass das Finden und Verfolgen von neuen Zielen helfen kann, sich von unerreichbaren Zielen zu lösen. Wird nicht nur ein wichtiges, jedoch unerreichbares Ziel aufgegeben, sondern auch ein neues Ziel verfolgt, so entsteht viel weniger ein Gefühl der Leere oder Nutzlosigkeit. Dies bedeutet soviel wie: Obwohl ich mich von einem wichtigen Ziel lösen muss, habe ich eine neue, andere Perspektive und Aufgabe, die mir ebenfalls wichtig ist. Genau diese neue Perspektive verhindert, dass ich mich schlecht und gestresst fühle.

Diese Befunde bedeuten nicht, dass es sinnvoller ist, sich sofort von jeglichen Zielen zu lösen, die schwierig zu erreichen sind. Vielmehr muss man genau abschätzen, wie realistisch es ist, ob ein Ziel erreicht werden kann und mit welchen Kosten die Zielverfolgung allenfalls verbunden wäre. Ist das Handeln stark von einem kaum erreichbaren Ziel geleitet, ist es sinnvoll, sich davon zu lösen und sich neuen Zielen zuzuwenden.



Quelle: Wrosch, C., Scheier, M. F., Miller, G. E., Schulz, R., & Carver, C. S. (2003). Adaptive Self-Regulation of Unattainable Goals: Goal Disengagement, Goal Reengagement, and Subjective Well-Being. Personality and Social Psychology Bulletin, 29, 1494–1508.



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