«Let it be» – Die beste Antwort für ältere Erwachsene auf Konflikte mit ihren Nächsten

von Dr. Jana Nikitin


Wie reagieren Sie, wenn sich ein Streit mit Ihrem Partner, mit einem Freund, mit Ihrer Mutter oder den eigenen Kindern anbahnt? Stellen Sie sich der Konfrontation und suchen aktiv nach einer Lösung des Konfliktes oder ziehen Sie sich lieber zurück und gehen dem Konflikt aus dem Weg? Ist die eine Strategie besser als die andere? Forscher der University of California und der Pennsylvania State University haben kürzlich herausgefunden, dass die Antwort auf diese Frage womöglich von Ihrem Alter abhängt.

In ihrer Studie haben die Forscher an acht aufeinander folgenden Tagen ein telefonisches Interview mit jungen, mittelalten und älteren Erwachsenen durchgeführt. Die Probanden berichteten über zwischenmenschliche Konflikte und über Strategien, die sie benutzen, um diese Konflikte zu lösen. Zusätzlich wurden sie nach ihrem «negativen Affekt» am entsprechenden Tag befragt (d.h. wie bedrückt, wertlos, hoffnungslos, nervös oder ruhelos sie sich fühlten).

Obwohl sich junge, mittelalte und ältere Probanden nicht darin unterschieden, ob sie eine passive oder eine aktive Strategie zur Lösung des Konfliktes benutzen, hatte die Wahl der Strategie unterschiedlichen Einfluss auf ihren negativen Affekt. Während sich junge und mittelalte Probanden genau gleich schlecht fühlten, egal ob sie ein Konflikt aktiv angegangen oder vermieden haben, berichteten ältere Probanden am Ende des Tages von deutlich weniger schlechten Gefühlen, wenn sie dem Konflikt aus dem Weg gehen konnten.

Die Forscher erklären diesen Befund damit, dass die passive Strategie den Zielen älterer Erwachsenen entspricht. Ältere Menschen nehmen im Unterschied zu jüngeren Erwachsenen deutlicher wahr, dass ihre verbleibende Lebenszeit immer kürzer wird. Sie konzentrieren sich deshalb lieber auf ihr gegenwärtiges Wohlbefinden und nicht auf Ziele, die in ferner Zukunft liegen. Aus diesem Grund suchen sie Harmonie und vermeiden Spannungen in den Beziehungen zu ihren Nächsten. Zwischenmenschliche Konflikte nicht mit einem «heissen Kopf» anzugehen und unnötige Konfrontationen zu vermeiden hilft ihnen dabei. Abwarten, bis sich der Partner beruhigt, dem Streit mit den eigenen Kindern aus dem Wege gehen, einem aufgewühlten Freund die Zeit geben, sich zu beruhigen: für ältere Erwachsene ist das nicht ein «feiges» Verhalten, sondern kluge Strategien, um Harmonie zu bewahren und sich hier und jetzt wohl zu fühlen.


Quelle: Charles, S.T., Piazza, J.R., Luong, G., & Almeida, D.M. (2009). Now you see it, now you don’t: Age differences in affective reactivity to social tensions. Psychology and Aging, 24(3), 645–653.



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