Hochstapler-Phänomen: Was passiert, wenn wir uns zu Unrecht des Betruges schuldig fühlen?

von Josua Schmeitzky, MSc


Von zu Guttenberg bis Schavan: Die Betrugsfälle der letzten beiden Jahre haben das Ansehen der akademischen Elite erschüttert. Für viele war es ein Schock. Wie kann jemand, der so selbstsicher und kompetent wirkt ein Betrüger sein? Wie kann man trotz massivem Druck von akademischen Gremien und der Öffentlichkeit immer noch verteidigen, was offensichtlich eine Fälschung ist? Auf diese Fragen gibt es unzählige Antworten, die von dem fehlenden Unrechtsbewusstseins bis hin zur Möglichkeit der tatsächlichen Unschuld des Betroffenen reichen können. Das selbstsichere Auftreten dieser Protagonisten deutet jedoch darauf hin, dass diese sehr unwahrscheinlich an Selbstwertproblemen oder gar an emotionaler Labilität litten. Sollte aber nicht genau das Gegenteil der Fall sein? Sollte der Gedanke betrogen zu haben und die Möglichkeit jederzeit aufzufliegen nicht an den Nerven zerren und einem schlaflose Nächte bereiten? Für viele, die in einen Betrug verwickelt waren ist dies der Fall. So empfinden die meisten ein Geständnis als enorme Erleichterung.

Was aber, wenn man das Gefühl verspürt einen Betrug begangen zu haben, obwohl dies überhaupt nicht der Fall ist? Dieses sogenannte „imposter phenomenon“ (zu Deutsch: Hochstapler-Phänomen) wurde das erste mal von Clance und Imes 1978 beschrieben. Im Kontext ihrer therapeutischen Arbeit fiel ihnen auf, dass viele ihrer Patientinnen trotz ihres überdurchschnittlichen beruflichen Erfolges, diesen nicht internalisierten. So hielten Clance und Imes (1978, S. 241) fest, dass „trotz ihren erworbenen Diplomen, akademischen Ehrungen, hohen Leistungen in standardisierten Tests, Lobpreisungen und professionellen Anerkennungen von Kollegen sowie respektierten Autoritäten, kein internalisiertes Gefühl von Erfolg besteht“. Diesen Beobachtungen zufolge definierten Clance und Imes das Hochstapler-Phänomen als intensives Gefühl intellektueller und beruflicher Falschheit bei hoch begabten Personen. Das Besondere dabei ist, dass dieses Gefühl der Falschheit trotz klaren Hinweisen, die das Gegenteil beweisen, bestehen bleibt. So geben diese „falschen Betrüger“ unzählige Erklärungen ab, warum sie ihren Erfolg nicht verdient hätten. Darunter fallen Aussagen wie „ich hab nur Glück gehabt“, „es war reiner Zufall“ oder „es liegt an den geringen Erwartungen meiner Vorgesetzten“. Zusätzlich zu diesem Gefühl der Falschheit kommt auch die Angst, dass sie jemand als Betrüger, der sie ja eigentlich gar nicht sind, entlarvt.

Was bedeutet das nun für die psychische Gesundheit, wenn sich jemand zu Unrecht als Betrüger sieht. Dass solche Vorstellungen mit negativen Konsequenzen für die psychische Gesundheit einhergehen können liegt wohl auf der Hand. Diese Vermutung wird auch durch mehrere Studien bestätigt. So berichten „falsche Betrüger“ über mehr negative Emotionen als dies die durchschnittliche Bevölkerung tut (Thompson et al., 1998). Des Weiteren leiden „falsche Betrüger“ unter einem geringeren Selbstwert (Cowman & Ferrari, 2002). Die Resultate von Bernard, Dollinger und Ramaniah (1998) weisen zudem darauf hin, dass „falsche Betrüger“ gar eine erhöhte Tendenz aufweisen, depressive Symptome und Angstzustände zu erleben. Diese negativen Gefühle können sich dann auch destruktiv auf die berufliche Leistung auswirken. Somit, scheint es plausibel, dass „falsche Betrüger“ oft nicht ihr gesamtes Potential ausschöpfen können. Da diese jedoch Erfolg haben, obwohl nicht die volle Leistung an den Tag gelegt wird, kann dieser Leistungsabfall wiederum zu einer Verstärkung des Gefühls ein Betrüger zu sein führen (McGregor, Gee, & Posey, 2008).

Dieses Hochstapler-Phänomen zeigt auf wie unterschiedlich das psychologische Innenleben von Menschen sein kann: Während die einen seelenruhig betrügen und die Karriereleiter hinaufklettern, machen sich andere zu Unrecht Vorwürfe und können aufgrund von Angstzuständen und depressiven Symptomen ihr Potenzial nicht ausschöpfen.

Quelle:

Bernard, N. S., Dollinger, S. J., & Ramaniah, N. V. (2002). Applying the Big Five personality factors to the imposter phenomenon. Journal of Personality Assessment, 78, 321-333.

Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, research, and practice, 15, 241-247.

Cowman, S., & Ferrari, J. R. (2002). “Am I for real?” Predicting imposter tendencies from self- handicapping and affective components. Social Behavior and Personality: An international journal, 30, 119-126.

McGregor, L., Gee, D., & Posey, K. (2008). I feel like a fraud and it depresses me: The relation between the imposter phenomenon and depression. Social Behavior and Personality, 36, 43–48.

Thompson, T., Davis, H., & Davidson, J. (1998). Attributional and affective responses of imposters to academic success and failure outcomes. Personality and Individual Differences, 25, 381-396.

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