Wovon hängt es ab, ob wir jemandem helfen?

von Dr. Michaela Knecht


Menschen sind in vielen Situationen äusserst hilfsbereit. Wir helfen unser Familie, unseren Freunden und manchmal auch völlig Fremden. Offenbar gibt es aber auch Situationen, in denen Menschen weniger bereit sind zu helfen. Wenn zum Beispiel ein Mensch verletzt am Boden liegt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft, kleiner, wenn andere Menschen anwesend sind, als wenn nur ein Mensch die Situation beobachtet. Dieser bemerkenswerte Effekt wurde in der Sozialpsychologie in den letzten Jahrzehnten eingehend untersucht. Was sind mögliche Erklärungen für diesen sogenannten Zuschauereffekt? Als mögliche Erklärungsgründe wurden z.B. Schüchternheit und Angst vor Bewertung durch den Zuschauenden gehandelt oder aber auch die Diffusion der Verantwortung unter den anwesenden Menschen. Wenn nur ein Mensch anwesend ist, ist logischerweise die Verantwortung bei dieser Person.

Ein internationale Gruppe von Forschern hat sich gefragt, ob dieser Effekt auch bei Kindern zu finden ist und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Anderen zu helfen scheint tief in uns verwurzelt zu sein. Entwicklungspsychologische Studien konnten zeigen, dass Hilfeverhalten schon bei einjährigen Kindern zu sehen ist. Die Kinder helfen z.B. indem sie teilen, trösten, oder auch mit Informationen. Meist tun das die Kinder ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Die Forscher wollten nun untersuchen, ob der Zuschauereffekt auch bei fünfjährigen Kindern zu finden ist. Sie haben in einem Laborexperiment drei unterschiedliche Szenarien untersucht, in denen jemand Hilfe benötigte. Bei jedem der drei Szenarien hat eine Person einen Wasserbecher umgestossen, und versucht anschliessend zu vermeiden, dass das Wasser auf dem Boden tropft. In der ersten Bedingung war das Kind alleine mit der Person in einem Raum. In dieser Situation haben fast alle Kinder (über 90%) geholfen. Waren aber mehrere andere Kinder anwesend (diese waren eingeweiht und vorher dazu aufgefordert nicht zu helfen), haben nur etwas über die Hälfte der Kinder geholfen. In einer dritten Bedingung waren auch andere Kinder anwesend, diese sassen aber hinter eine Absperrung und konnten so offensichtlich nicht helfen. In dieser Situation haben wieder fast alle Kinder (über 90%) geholfen. Die Kinder, die mit der hilfesuchenden Person alleine im Raum waren, haben schneller geholfen als bei der Bedingung, in der noch andere Kinder hinter einer Abschrankung anwesend waren. Dies wird damit erklärt, dass, wenn die Kinder alleine waren, die Situation weniger komplex war und deshalb schneller reagiert wurde.

Diese Resultate zeigen, dass auch bei Kindern ein Zuschauereffekt auftreten kann. Interessanterweise ist es aber nicht nur die blosse Anwesenheit von anderen Personen, die einen Einfluss auf das Helfen hat, sondern auch die Tatsache, ob die anderen Anwesenden die Möglichkeit haben, selber zu helfen.

Diese Resultate deuten darauf hin, dass die Diffusion der Verantwortung beim Zuschauereffekt eine grosse Rolle spielt. Dass in der Situation, in der Anwesende hinter einer Abschrankung sassen, gleich oft geholfen wurde, wie wenn die Kinder alleine waren, deutet darauf hin, dass es sich beim Zuschauereffekt nicht nur um Schüchternheit oder Ängstlichkeit vor der Bewertung durch andere handelt. Es scheint eher so zu sein, dass wenn mehrere Personen anwesend sind, jeder denkt, der andere könne doch helfen. Wenn andere Personen anwesend sind, warten wir oft bis diese helfen. Die anderen Personen warten aber auch. So kommt es, dass am Schluss alle eher warten und im Endeffekt weniger geholfen wird als wenn man alleine in der Situation ist.

Literaturangaben:
Plötner, M., Over, H., Carpenter, M., & Tomasello, M. (2015). Young children show the bystander effect in helping situations. Psychological Science, 1. DOI: 10.1177/0956797615569579

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