Hartes Leben = schwere Kost?

von Dr. Kathrin Krause


Warum entscheiden wir uns dafür, sehr kalorienreiches Essen zu uns zu nehmen? Sind wir wirklich nur am schnellen Genuss interessiert? Und wenn ja, was ist der Grund für diese Genussorientierung? Beeinflusst die Wahrnehmung unserer Lebensumstände die Entscheidung, welche Art von Essen wir zu uns nehmen?

Juliano Laran und Anthony Salerno von der Universität Miami haben untersucht, ob und wie die Wahrnehmung unserer Lebensumgebung als schwierig und hart, versus freundlich und voller Ressourcen, beeinflusst, welche Art von Nahrung wir zu uns nehmen- kalorienreiche, schwerere Kost oder leichte, gesunde.

Die Forscher vermuteten, dass wir umso kalorienreichere und schwerere Kost zu uns nehmen, je mehr wir den Eindruck haben, dass wir in schweren oder wirtschaftlich harten Zeiten leben. Warum ist das so? Laran und Salerno begründen ihre Hypothese mit der sogenannten „Life-History-Theory“, der Lebensgeschichte-Theorie (siehe beispielweise Stearns, 1991). Die Theorie besagt, dass wir unsere Ressourcen auf verschiedene miteinander konkurrierende Überlebensaufgaben verteilen müssen, z. B. darauf zu wachsen, also uns selbst zu erhalten oder darauf, uns zu reproduzieren, also Nachwuchs zu zeugen. Wenn wir in Wachstum und Selbsterhaltung investieren, spricht man von einer langsamen lebensgeschichtlichen Strategie, bei der wir bereit sind, auf schnelle Belohnungen zu verzichten, um später grösstmöglichen Erfolg beziehungsweise Ressourcengewinn zu haben. Wenn wir eher darauf setzen, uns zu reproduzieren, geht dies mit einer schnellen lebensgeschichtlichen Strategie einher, bei der wir eher auf schnelle Gewinne, beispielsweise kurzfristige Belohnungen aus sind, auch wenn wir später Nachteile davon haben könnten. Ob Personen eine schnelle Strategie oder eine langsame Strategie verfolgen, hängt laut Theorie stark von der Umgebung und den Rahmenbedingungen der Personen ab. Insbesondere scheint hier die Verfügbarkeit von Ressourcen eine wichtige Rolle zu spielen. Sind alle wichtigen Ressourcen zur Genüge vorhanden, setzen Personen eher auf eine langsame Strategie. Wenn sie hingegen die Umgebung als ressourcenarm wahrnehmen, tendieren Personen eher dazu eine schnelle Strategie zu wählen.

Laran und Salerno überprüften in mehreren Studien, ob sich die lebensgeschichtliche Strategie in Kombination mit der Wahrnehmung der Umwelt als entweder hart oder freundlich tatsächlich auf die Auswahl der Nahrung auswirkt. Dazu variierten Forscher die Umweltwahrnehmung ihrer Probanden, ohne dass diese es bemerkten. Sie verwendeten dabei Poster, die in der Nähe der Probanden hingen und entweder neutral waren oder Wörter enthielten, die eine Krise symbolisierten (zum Beispiel „Elend“ oder „Überleben“). Es wurde erfasst, wie viele kalorienreiche Süssigkeiten die Probanden in der jeweiligen Bedingung zu sich nahmen. Es zeigte sich, dass Personen, die ihre Umwelt als schwierig und widrig wahrnahmen, signifikant mehr kalorienreiche Kost zu sich nahmen als Personen in der neutralen Bedingung. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Teilnehmer in der Krisenposterbedingung eine schnelle lebensgeschichtliche Strategie anwendeten, also möglichst schnell viele Kalorien zu sich nehmen wollten, um besser für die vermeintliche Krise und die damit verbundene Ressourcenknappheit gerüstet zu sein.

In einer weiteren Studie variierten die Wissenschaftler zusätzlich die Menge an Ressourcen, die den Probanden zur Verfügung standen. Hatten die Probanden den Eindruck, auch unter schweren Bedingungen viele Ressourcen zur Verfügung zu haben, beispielsweise in Form von Geld, unterschied sich die Menge an konsumierten Süssigkeiten nicht von der der Probanden in der neutralen Bedingung. Dies wiederum bestätigt die Annahme, dass die Wahrnehmung der Ressourcenverfügbarkeit einen entscheidenden Einfluss auf die Wahl der lebensgeschichtlichen Strategie hat.

Die Entscheidung für eine der beiden lebensgeschichtlichen Strategien werde jedoch auch davon beeinflusst, wie lange die widrigen Umweltbedingungen anhalten könnten, so die Forscher. In einer dritten Studie konnten sie zeigen, dass die Probanden sich nur dann für die kaloriereichere Essensalternative entschieden, wenn sie annahmen, die harten Umweltbedingungen würden von kurzer Dauer sein. Wenn die Probanden annahmen, die knappen Ressourcen müssten über einen längeren Zeitraum reichen, wählten sie eher eine leichtere, gesunde als eine kalorienreiche Essensalternative. Sie verfolgten also eine langsame lebensgeschichtliche Strategie.

Laran und Salerno schlussfolgern, dass der Grund dafür, warum sich Personen für kalorienreiche Nahrungsmittel entscheiden also nicht, wie häufig angenommen, in einer reinen Genussorientierung liegt, sondern von den zugrundeliegenden Überlebensstrategien der Personen abhängt. Diese Ergebnisse sollten daher in die Entwicklung von Ernährungstrainings und in die Vermittlung von Gesundheitsstrategien miteinfliessen.

Quelle: Laran, J., & Salerno, A. (2013). Life-History Strategy, Food Choice, and Caloric Consumption. Psychological Science, 24, 167-173.

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