3 : 0 – Stift siegt gegen Tastatur

von Dr. Martin Tomasik


Laptops halten an Universitäten, in Schulen, aber auch zunehmend im privaten Bereich immer mehr Einzug. In vielen Bereichen werden sie verwendet, um Notizen anzufertigen und abzuspeichern. Der grosse Vorteil dieser elektronischen Notizen ist, dass man sie gut organisieren kann, sie immer verfügbar sind und sich auch elektronisch durchsuchen lassen. Trotz dieser Vorteile beklagen immer mehr Lehrer und Professoren, dass diese Art der Aufzeichnung ablenkend ist und neue Studien geben diesen Bedenken recht. Tatsächlich zeigt sich, dass die Verwendung von Laptops mit weniger Partizipation am Unterricht, schlechteren akademischen Leistungen und weniger Zufriedenheit mit dem Lernen einhergeht. Warum ist das so?

Um die Vor- und Nachteile von elektronischen Notizen empirisch zu überprüfen, haben Pam Mueller (Princeton University) und Daniel Oppenheimer (University of California) drei Studien durchgeführt, in denen sie unter verschiedenen Bedingungen die Lernleistungen von Studierenden untersucht haben. Sie haben jeweils verglichen, welche Auswirkungen das Anfertigen von elektronischen Aufzeichnungen im Vergleich zu handschriftlichen Notizen hat. In der ersten Studie sollten sich die Teilnehmer fünf unterschiedliche Lernvideos anschauen, bekamen dabei je nach Versuchsbedingung einen Laptop oder einen Notizblock mit Stift zu Verfügung gestellt und wurden aufgefordert dieses Hilfsmaterial so zu benutzen, wie sie es sonst auch in einer Vorlesung tun würden, wenn sie sich Aufzeichnungen machten. Nach der Lernphase folgten weitere, für die Fragestellung unbedeutende Aufgaben, um einen zeitlichen Abstand zur nachfolgenden Phase zu schaffen, in der die Inhalte der Lernvideos abgefragt wurden. Dabei zeigte sich ein Befundmuster, das sich übrigens auch in den folgenden zwei Studien wiederholte. Wenn Faktenwissen abgefragt wurde („In welchem Jahrhundert wurde die Cheopspyramide erbaut?“), unterschied sich die Lernleistung zwischen Laptopbenutzern und Notizblockbenutzern nicht wesentlich. Wenn es jedoch um Konzeptwissen ging („Warum unterscheiden sich Japan und Schweden in ihrer Politik zur sozialen Gerechtigkeit?“), schnitten die Notizblockbenutzer deutlich besser ab. Warum das so sein könnte zeigte eine Auswertung der Inhalte, die sowohl elektronisch als auch handschriftlich aufgezeichnet wurden. Die elektronischen Inhalte waren zwar etwa doppelt so umfangreich wie die handschriftlichen Notizen, sie entsprachen aber auch viel häufiger wortwörtlich den Texten, die in den Lernvideos gesprochen wurden. Anders gesagt notierten sich die Notizblockbenutzer weniger Inhalte, taten das aber eher mit eigenen Worten, was auf eine tiefere Verarbeitung des Inhalts schliessen lässt. Diese tiefere Verarbeitung ist dann vermutlich der Grund für bessere Leistungen im konzeptuellen Bereich.

Was passiert aber, wenn man die Laptopbenutzer ausdrücklich darauf hinweist, keine wortwörtlichen Notizen zu machen, sondern die Inhalte in ihren eigenen Worten in den Laptop zu tippen? Mueller und Oppenheimer untersuchten das in einer zweiten Studie, die ansonsten der ersten Studie entsprach. Auch hier zeigte sich wieder eine stärkere wortwörtliche Überlappung der Notizen mit dem Text der Lernvideos. Es scheint also in einer realen Lernsituation am Laptop sehr schwierig zu sein, der Versuchung zu wiederstehen, sich wortwörtliche Notizen zu machen. Entsprechend sahen dann auch die Lernleistungen aus.

In einer dritten Studie schliesslich wollten die Forscher einen längeren Zeitraum untersuchen und gaben den Studienteilnehmern die Möglichkeit, sich ihre elektronischen oder handschriftlichen Notizen eine Woche später noch einmal anzuschauen und sich erst dann einem Wissenstest zu unterziehen. Würde es so sein, dass nun die längeren und wortwörtlicheren Notizen auf einem Laptop einen klaren Vorteil gegenüber den handschriftlichen Aufzeichnungen haben würden? Dem war nicht so! Wieder zeigte sich kein Unterschied im Faktenwissen und ein Nachteil des Laptops im Konzeptwissen.

Unter drei verschiedenen Bedingungen zeigte sich also der Vorteil von handschriftlichen Notizen gegenüber einer Benutzung des Laptops. Auch (oder gerade weil) die elektronischen Aufzeichnungen umfangreicher waren und mehr den Inhalten der Lernvideos entsprachen, schienen sie das Lernen eher zu behindern als zu fördern. Man könnte also geneigt sein zu behaupten, dass die langsamere Schreibgeschwindigkeit mit der Hand die Lernenden dazu gezwungen hat, sich auf die wesentlichen Inhalte und deren Verknüpfungen zu konzentrieren und diese schon beim Schreiben „vorzuverarbeiten“, was ein besseres konzeptuelles Wissen nach sich zog. Trotz aller Technikbegeisterung sollten wir also den modernen Hilfsmitteln im Unterricht (und im Alltag) mit einer gesunden Portion Skepsis gegenüber treten.

Literaturangaben:
Mueller, P. A., & Oppenheimer, D. M. (2014). The pen is mightier than the keyboard: Advantages of longhand over laptop note taking. Psychological Science, 25, 1159-1168.

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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