Gott gibt und Gott nimmt: Wie der Glaube an einen gütigen oder bestrafenden Gott unser Verhalten beeinflusst

von Christopher Elmi

 

Religion ist sehr präsent in unserer Welt und ein zentraler Bestandteil des Lebens vieler Menschen. Entsprechend beeinflusst sie nicht nur deren soziale Einstellungen, sondern auch ihr Verhalten. Dies wurde z.B. bei den Ereignissen vom 11. September 2001 sehr deutlich, als Terroristen die Kontrolle über mehrere Passagierflugzeuge übernahmen und sie ins World Trade Center steuerten. Darüber hinaus haben Studien aber auch gezeigt, dass religiöse Menschen nicht nur zu Grausamkeiten fähig sind, sondern sie häufig moralische Übertretungen wahrnehmen und eher anderen helfen, indem sie mitunter Freiwilligenarbeit in Obdachlosenunterkünften leisten oder Essen, Geld und andere Waren spenden. Wie kann dieses Paradoxon existieren? Wie kann die Religion Menschen zur barmherzigsten Freundlichkeit, aber auch zu schlimmsten Grausamkeiten bewegen? Das wollten die Wissenschaftler Johnson, Li, Cohen und Okun von der Arizona State University erforschen.

Laut den Wissenschaftlern ist die Antwort auf diese Frage vielleicht gar nicht so kompliziert, wie man im ersten Moment vermuten würde. Grob gesagt, so argumentieren die Forscher, glauben Menschen nämlich normalerweise an eine von zwei Arten von Göttern: Der Erste ist ein gütiger, gnädiger, verzeihender übernatürlicher Gott, der beschützt, hilft und inspiriert. Er will unser Bestes und ist für die meisten Unglücksfälle nicht verantwortlich. Studien haben gezeigt, dass der Glaube an diese Form von Gott positiv mit Verträglichkeit zusammenhängt, einem zentralen Persönlichkeitsmerkmal, das sich in einem warmherzigen und freundlichen Verhalten zeigt. Personen mit diesem Persönlichkeitsmerkmal haben eine optimistische Sichtweise, die die Interessen anderer über ihre eigenen stellt. Das heisst, Menschen, die an einen verzeihenden statt einen bestrafenden Gott glauben, helfen im Allgemeinen auch anderen Menschen. Darüber hinaus ist ihr Selbstwertgefühl tendenziell höher und sie haben auch bessere soziale Beziehungen zu anderen.

Die zweite Art von Gott ist ein bestrafender, immer beobachtender Gott. Wissenschaftler haben gefunden, dass der Glaube an diese Art von Gott positiv mit der Kooperation und dem Wohlstand in einer Gesellschaft zusammenhängt, dieser positive Zusammenhang aber auf einer gegenseitigen sozialen Überwachung beruht. Ferner neigen Personen mit diesem Glauben dazu, in Prüfungen weniger zu schummeln. Sie sind anderen gegenüber auch sehr misstrauisch, was sie z.B. andere soziale Gruppe abwerten lässt, ihr Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen sozialen Gruppe aber stärkt.

Basierend auf diesen Befunden führten Johnson, Li, Cohen und Okun eine Reihe von Studien durch, um sich anzuschauen, ob das Denken an einen verzeihenden oder strafenden Gott unterschiedliche Verhaltensweisen bzw. Einstellungen auch tatsächlich kausal hervorruft. Konkret untersuchten sie, ob der Glaube an einen strafenden bzw. gütigen Gott in Zusammenhang steht mit (1) dem Ausmass an Aggression, (2) der Wahrscheinlichkeit anderen zu vergeben oder sie zu bestrafen (3), der Sparsamkeit beim Wasserverbrauch (4) der Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren und (5) der Bereitschaft, einer anderen religiösen Gruppe (einer Gruppe, die nicht mit der eigenen Gruppe verbunden ist) zu helfen.

Gemäss aktuellen Selbstberichten aus den Vereinigten Staaten halten sich 78% der US-Bevölkerung für katholisch oder nichtkatholisch christlich (orthodox, mormonisch, usw.). Davon glauben 69-80% an eine Form eines personenhaften Gottes. Auf eine Stichprobe aus diesem Teil der Bevölkerung beschränkte sich die vorliegende Studie. Die Autoren legten dabei den Studienteilnehmenden verschiedene religiöse Symbole und Bilder vor, um sie entweder denken zu lassen, dass Gott strafend oder dass er verzeihend ist. Insgesamt betrachtet, zeigten die Ergebnisse, dass der Glaube an einen strafenden Gott mit höherer Aggressionsbereitschaft verbunden war, wohingegen der Glaube an einen verzeihenden Gott mit tieferer Aggressionsbereitschaft einherging. Darüber hinaus stand das Konzept eines gütigen Gottes mit einem höheren Ausmass an Freiwilligenarbeit und einer erhöhten Bereitschaft, Personen anderer religiöser Gruppen zu unterstützen, im Zusammenhang, während die Ergebnisse bei Personen, die das Bild eines strafenden Gottes gesehen hatten, umgekehrt waren.

Des Weiteren untersuchten die Autoren auch Unterschiede zwischen den katholischen und nichtkatholischen Christen. Diesbezüglich deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass das Konzept eines strafenden Gottes zumindest bei nichtkatholischen Christen ihre prosoziale Haltung beeinflusste, da sie eher bereit waren, andere zu bestrafen, sich nicht um das Sparen von Wasser kümmerten und weniger bereit zu Freiwilligenarbeit waren. Nichtkatholische Christen, die aufgrund der vorgelegten Symbole und Bilder an einen gütigen Gott dachten, waren eher bereit, anderen zu vergeben und zeigten sich auch prosozialer. Interessanterweise hatten die Bilder keine Auswirkungen auf katholische Christen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Katholiken es eher gewohnt sind, religiöse Bilder sowohl zu Hause als auch in der Kirche zu sehen. Dies ist jedoch lediglich eine von verschiedenen möglichen Erklärungen für die Ergebnisse bzw. diskutieren die Autoren, dass die Ergebnisse auch anders hätten aussehen können, wenn man die vermuteten Zusammenhänge auf eine andere Art und Weise untersuchen würde.

Die vorliegende Studie hat also gezeigt, dass der Glaube an einen verzeihenden Gott mit anderen Einstellungen und Verhaltensweisen einhergeht als der Glaube an einen bestrafenden Gott. Dennoch sollte erwähnt werden, dass Personen aus unterschiedlichen Religionsrichtungen, aber auch Personen innerhalb derselben Religion ganz verschiedene Vorstellungen von Gott haben können. Diese Vorstellungen sind ferner nicht stabil über die Zeit, sondern verändern sich oder werden aktiv angepasst. Die Autoren der Studie zitieren in diesem Sinne den antiken Politiker und Denker Xenophon, der sagte, dass sich der Mensch Gott nach seinem Bilde schafft. Diese eigene Vorstellung beeinflusst dann, wie man sich anderen gegenüber verhält.

 

 

 

Literaturangaben:

Johnson, K. A., Li, Y. J., Cohen, A. B., & Okun, M. A. (2013). Friends in High Places : The Influence of Authoritarian and Benevolent God-Concepts on Social Attitudes and Behaviors. Psychology of Religion and Spirituality, 5, 15–22. https://doi.org/10.1037/a0030138

 

 

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