Können wir uns Dinge besser merken, wenn wir diese fotografieren?

von Dr. Martin Tomasik


Fotografieren ist im digitalen Zeitalter preiswerter und einfacher geworden denn je. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit mehr als drei Milliarden Fotos geschossen werden und davon etwa 300 Millionen Fotos allein auf Facebook hochgeladen werden. Digitale Fotos sind dabei so etwas wie ein „externes Gedächtnis“ geworden, dass uns helfen soll, vergangene Augenblicke und zurückliegende Ereignisse besser erinnern zu können. Aus psychologischer Sicht stellt sich dabei die Frage, wie dieses „externe Gedächtnis“ unser eigentliches Gedächtnis beeinflusst. Ist es so, dass wir uns Dinge besser merken, wenn wir diese fotografieren? Schliesslich ist das Fotografieren ein bewusste und aktive Handlung, die uns helfen könnte, unsere Aufmerksamkeit auf das fotografierte Objekt zu lenken. Oder ist es vielmehr so, dass wir durch das Fotografieren abgelenkt werden und uns auf Fotos als Gedächtnisstütze verlassen und uns deswegen die fotografierten Dinge nicht mehr so gut zu merken können?

Es gibt eine Reihe von psychologischen Studien, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Die allermeisten dieser Studien benutzten jedoch passive Kameras. Der Versuchsaufbau sah in der Regel so aus, dass die Studienteilnehmer eine Kamera am Körper trugen, die im Laufe des Tages automatisch auslöste. Am Ende des Versuchs, was häufig Tage oder Monate später der Fall war, wurden die Studienteilnehmer zu ihren „selbstgemachten“ und zu fremden Fotos befragt. Es zeigte sich, dass die eigenen Fotos besser erkannt wurden als fremde Fotos. Wichtiger ist jedoch der Befund, dass mit Hilfe der eigenen Fotos die Situationen besser und detailreicher erinnert wurden, was insbesondere Patienten mit verletzungsbedingten Amnesien oder anderen schweren Gedächtnisstörungen zugute kam.

Wie sich das aktive Fotografieren auf das Gedächtnis auswirkt, wurde dagegen viel seltener Untersucht. Eine Ausnahme bildet hier die 2013 veröffentlichte Studie von Linda Henkel von der amerikanischen Fairfield University. Die Psychologin schickte ihre Studienteilnehmer auf eine Museumstour und stattete sie mit einer digitalen Fotokamera aus, bei der die fotografierten Ausstellungsstücke auf einem kleinen Display betrachtet werden konnten. In dieser Studie gab es zwei Bedingungen. In der ersten Bedingung wurden die Studienteilnehmer gebeten, einen Teil der Ausstellungsstücke zu fotografieren und einen anderen Teil lediglich anzuschauen. In der zweiten Bedingung sollten die Studienteilnehmer einen Teil der Ausstellungsstücke im Ganzen fotografieren, einen zweiten Teil so fotografieren, dass sie in ein Detail hineinzoomten und einen dritten Teil der Ausstellungsstücke lediglich anschauen. In beiden Bedingungen wurde den Studienteilnehmern von Anfang an gesagt, dass man sie zu allen Ausstellungsobjekten befragen würde, so dass sie sich darauf vorbereiten konnten.

Am folgenden Tag nach dem Museumsbesuch wurden die Studienteilnehmer eingeladen, Fragen zu den Ausstellungsobjekten zu beantworten. Eine Frage war beispielsweise, was die Kriegerfigur aus der Tang-Dynastie in seiner Hand hielt und die möglichen Antworten darauf waren „ein Schild“, „ein Speer“, seinen Helm“ und „nichts“. Anschliessend wurden die richtigen Lösungen in den unterschiedlichen Bedingungen verglichen. In der ersten Bedingung, bei der die Ausstellungsstücke entweder als Ganzes fotografiert oder nur angeschaut wurden, zeigte sich ganz klar, dass das Fotografieren die Gedächtnisleistungen beeinträchtigte. Es scheint so zu sein, dass wir uns durch das Fotografieren auf das externe Gedächtnis verlassen und uns deswegen weniger Details merken. Dass diese Schlussfolgerung jedoch zu einfach ist, zeigen die Ergebnisse der zweiten Bedingung. Hier sollten die Ausstellungsstücke bekanntlich im Ganzen oder im Detail fotografiert bzw. wieder lediglich angeschaut werden. Zwar zeigte sich wieder, dass die Gedächtnisleistungen eingeschränkt waren, wenn die Studienteilnehmer ein Ausstellungsstück im Ganzen fotografierten als wenn sie es nur anschauten. Keine Einschränkungen gegenüber dem Anschauen zeigten sich aber für Ausstellungstücke, die im Detail fotografiert wurden. Die Ausstellungsstücke wurden also beim Hineinzoomen genauso gut erkannt werden und – interessanterweise - wurden sowohl Details erinnert, in die hineingezoomt wurde (z.B. die Hand des Tang-Kriegers), als auch solche, die eigentlich ausserhalb des hineingezoomten Bildbereichs lagen (z.B. wurde nach der Hand gefragt, aber nur der Kopf wurde fotografiert).

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen also, dass es für das Erinnern nicht darauf ankommt, ob wir fotografieren oder nicht, sondern wie wir dies tun. Dabei entspricht das „Auge der Kamera“ nicht unbedingt dem „Auge des Gedächtnisses“. Die Autorin erklärt den gedächtnisfördernden Effekt des Hineinzoomens in ein Detail damit, dass wir uns bei der Auswahl eines Details zunächst auf das gesamte Objekt konzentrieren und es für die Auswahl als Ganzes „tiefer“ verarbeiten, als wenn wir kein Detail auswählen müssen. Wollen wir also beispielsweise unsere Urlaubserlebnisse in guter Erinnerung behalten und sie nicht nur im digitalen Fotoalbum verstauben lassen, so lohnt es sich, nicht wahllos drauflos zu knipsen, sondern sich auf die Details eines Objekts zu konzentrieren, um daraus einen passenden Bildausschnitt auszuwählen. Diese kleine Übung wird wahrscheinlich nicht nur unserem Gedächtnis gut tun, sondern vermutlich auch der Qualität unserer Urlaubsfotos.

Quelle: Henkel, L. A. (in Druck). Point-and-shoot memories: The influence of taking photos on memory for a museum tour. Psychological Science.

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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