Fortschritt ohne Fortschrittsdenken

von Oliver Kaftan

 

Was habe ich schon geschafft? Erreiche ich meine Ziele noch? Müsste ich nicht schneller sein? Wir alle verfolgen Ziele, wollen uns diesen annähern - und wissen, wie gut uns dies gelingt. Denn nur, wenn wir wissen, ob und wie schnell wir Fortschritte machen, können wir bei einem falsch eingeschlagenen Weg, einer falsch gewählten Strategie allenfalls etwas ändern, um unsere Ziele doch noch zu erreichen.

Zahlreiche Studien belegen, dass diese sogenannte Überwachung des Zielfortschritts das Erreichen von Zielen begünstigt. Überwachungsprozesse können “in uns” ablaufen, aber auch von aussen unterstützt werden. Neudeutsch sprechen wir dann von Feedback – etwa wenn der oder die Vorgesetze Auskunft über Fortschritte beim Erledigen von Aufgaben verlangt.

Die Überwachung des Zielfortschritts scheint jedoch nicht immer förderlich zu sein. In einer Studie hatten Oren Shapira und seine Kollegen die Vermutung, dass die Überwachung beim Ziel, einen bestimmten Gefühlszustand zu erreichen, sogar kontraproduktiv ist.

In ihrem Experiment verglichen die Forscher zwei Gruppen. Alle Personen hatten dasselbe Ziel, nämlich sich einer unbekannten Person emotional anzunähern. In einer Gruppe sollten die Probandinnen jedoch alle 5 Minuten darauf achten, ob sie dem Ziel näher kommen (Experimentalgruppe), während die andere Gruppe die Instruktion erhielt, auf Temperaturveränderungen im Versuchsraum zu achten, also den Zielfortschritt nicht zu überwachen (Kontrollgruppe).

Die Probandinnen wurden einer der beiden Gruppen zufällig zugeteilt und sprachen dann 45 Minuten lang mit einer fremden Person über vorgegebene Themen. Die Abfolge dieser Themen hatten die Forscher bewusst so gewählt, dass sie allmählich ein Sich-Öffnen gegenüber der Gesprächspartnerin auslösten, da dieses Sich-Öffnen zwischenmenschliche Nähe erzeugt. Während also zunächst eine Diskussionsfrage lautete: „Wie würde ein perfekter Tag in Ihrem Leben aussehen?“, redeten die Gesprächspartnerinnen später über die intimere Frage: „Wann mussten Sie das letzte Mal vor einer anderen Person weinen?“.

Am Schluss des Experiments erfassten Shapira und seine Kollegen, wie weit weg die Gesprächspartnerinnen voneinander sassen, da diese räumliche Distanz ein guter Indikator für das Empfinden von emotionaler Nähe ist: Personen, mit denen wir uns emotional verbunden fühlen, nähern wir uns auch körperlich mehr an. Wie die Forscher vermuteten, zeigten Personen in der Experimentalgruppe weniger Nähe, erreichten das Ziel also deutlich schlechter als Personen in der Kontrollgruppe.

Damit reiht sich diese Studie ein in eine Gruppe weiterer Studien, welche die Nützlichkeit der Überwachung des Zielfortschritts relativieren. So konnte etwa in einer anderen Studie gezeigt werden, dass eine ständige Überwachung bei Entspannungsübungen das Vertrauen in das eigene Körpergefühl negativ beeinflusst. Das sich unablässige Versichern, ob man bereits verliebt ist, kann dazu führen, das man sich nicht verliebt. Eine andauernde Überprüfung dessen, ob man glücklich ist, kann dem Sich-glücklich-fühlen im Wege stehen.

Die Überwachung des Zielfortschritts mag in gewissen Situationen also durchaus ihre Berechtigung haben, bei emotionalen Zielen scheint sie aber eher kontraproduktiv zu sein.

 

Literaturangaben:
Shapira, O., Gundar-Goshen, A., Liberman, N., & Dar, R. (2013). An ironic effect of monitoring closeness. Cognition & Emotion, 27(8), 1495–1503. http://doi.org/10.1080/02699931.2013.794771

 

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