Ihr erster Eindruck ist besser, als Sie denken

von Dr. rer. nat. Laura Almeling

 

Durch eine Unterhaltung mit unbekannten Leuten in Kontakt zu kommen ist ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens. So lernen wir neue Freunde, Partner und Partnerinnen kennen oder integrieren uns an einem neuen Arbeitsplatz. Allerdings sind Gespräche mit unbekannten Leuten nicht immer einfach. Insbesondere ist es schwierig abzuschätzen, was das Gegenüber wirklich von einem denkt, was mit Gefühlen von Besorgnis einhergehen kann. Gründe für diese Unsicherheit sind Folgende: Zum einen kann gerade bei Smalltalk Höflichkeit dazu führen, dass Menschen nicht ihre wahren Gefühle zeigen. Zum anderen kann es passieren, dass Menschen aus Angst vor Ablehnung ihr Interesse nur zurückhaltend zur Schau stellen. Ausserdem kommt es vor, dass wir Signale von Interesse unseres Gegenübers einfach übersehen, da wir zu beschäftigt damit sind einen guten Eindruck zu machen. Diese Faktoren legen die Vermutung nahe, dass wir in Gesprächen mit neuen Leuten unseren Eindruck auf diese systematisch fehleinschätzen.

Eine Gruppe von Forschenden hat dies in einer Reihe von Experimenten untersucht. Beim ersten Experiment wurden die Studienteilnehmenden gebeten eine fünfminütige Konversation mit einer unbekannten Person gleichen Geschlechts zu führen. Um das Gespräch zu erleichtern bekamen sie eine Liste von Fragen wie z.B. «Woher kommst du?» oder «Was sind deine Hobbies?» an die Hand. Nach dem Gespräch wurden beide Studienteilnehmenden gebeten, ihre Gesprächspartner/innen anhand einer Reihe von Aussagen einzuschätzen, wie z.B. «Insgesamt war mir die andere Person sympathisch.» und «Ich würde die andere Person gerne näher kennenlernen.». Ausserdem wurden die Teilnehmenden gebeten einzuschätzen, wie die andere Person sie wahrgenommen hat wie z.B. «Insgesamt fand mich die andere Person sympathisch» und «Die andere Person würde mich gerne näher kennengelernt.». Die Auswertung ergab, dass die Studienteilnehmenden nach ihren Angaben ihr Gegenüber signifikant mehr zu mögen schienen, als dass sie den Eindruck hatten von diesen gemocht zu werden. Mittels Videoanalysen der Gespräche konnte hierbei ausgeschlossen werden, dass dieser Befund durch mangelnde positive Signale des Gegenübers erklärt werden konnte. Eine wichtige Rolle bei der Ausprägung der sogenannten «Liking-Gap» («Mögens-Lücke») scheint die Persönlichkeit zu spielen. Sehr selbstbewusste Personen zeigten keine «Liking Gap» in ihrer Wahrnehmung der Gesprächssituation. Bemerkenswerterweise jedoch war der Effekt nicht beschränkt auf sehr schüchterne Personen – auch durchschnittlich aufgeschlossene Personen scheinen ihren Eindruck auf eine unbekannte Person in einem kurzen Gespräch zu unterschätzen.

Weiterhin konnten die Forschenden in weiteren Experimenten zeigen, dass sich die «Liking-Gap» nicht nur bei unbekannten Personen nach kurzen Gesprächen im Labor zeigte, sondern auch im Rahmen von längeren Gesprächen sowie im täglichen Leben über mehrere Monate andauerte. Um den Ursachen der «Liking-Gap» näher auf den Grund zu gehen, wurden die Studienteilnehmenden in einem weiteren Experiment gebeten, die drei wichtigsten Momente des Gespräches anzugeben, anhand derer sie sich einen Eindruck von ihrem Gegenüber gebildet hatten. Ausserdem wurden sie gebeten zu mutmassen welches die drei wichtigsten Situationen im Gespräch waren anhand derer sich ihr Gegenüber einen ersten Eindruck von ihnen gebildet hatte. Nachdem die Studienteilnehmer diese Situationen im Detail aufgeschrieben hatten, bewerteten sie, inwieweit sie diese als positiv beziehungsweise negativ empfanden. Die Auswertung ergab, dass die Studienteilnehmenden glaubten anhand von insgesamt negativeren Punkten eingeschätzt worden zu sein, als die Punkte, die sie selbst für die Einschätzung ihres Gegenübers angaben. Anders gesagt, die Studienteilnehmenden bewerteten ihre eigene Performance im Gespräch viel kritischer als die ihres Gegenübers. Zusammenfassend legen die Ergebnisse dieser Experimente nahe, dass wir einen besseren ersten Eindruck auf andere machen, als wir denken.

 

Literatur:

Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The Liking Gap in Conversations: Do People Like Us More Than We Think? Psychological Science, 29(11), 1742–1756. https://doi.org/10.1177/0956797618783714

 

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