Was bestimmt, ob sich Kinder sicher fühlen?

von Dr. Jana Nikitin


Wie sicher die Bindung zwischen einem Kleinkind und seiner Mutter ist, kann man testen. Man muss dafür nur das Kind abwechslungsweise mit der Mutter und einer fremden Person spielen lassen. Sicher gebundene Kinder sind meistens kurz irritiert, wenn die Mutter weggeht und sie mit einer fremden Person im Raum zurückgelassen werden. Sie lassen sich jedoch trösten und wenn die Mutter wiederkehrt, laufen sie ihr freudig entgegen. Unsicher gebundene Kinder sind durch die Abwesenheit der Mutter verstört und lassen sich weder von der fremden Person noch von der Mutter nach ihrer Rückkehr beruhigen. Oder aber, sie wirken bei der Trennung unbeeindruckt, spielen für sich alleine und ignorieren die Mutter bei ihrer Wiederkehr. Ihr erhöhter Herzschlag verrät aber, dass sie Stress erleben.

Was bestimmt dieses Verhalten? Die jahrzehntelange Forschung zu dieser Frage bestätigt die intuitive Antwort: Kinder fühlen sich sicher, wenn Eltern auf ihre Bedürfnisse angemessen reagieren und ihnen das Gefühl geben, dass sie für sie bei Nöten da sind. Eltern dagegen, die nur sehr selten auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen oder mal feinfühlig, mal abweisend sind, haben öfters unsicher gebundene Kinder. Sie stellen für ihre Kinder keinen „sicheren Hafen“ dar, auf den man sich verlassen kann. Ihre Kinder probieren dann entweder mit Stresssituationen alleine klar zu kommen, oder eben sie klammern sich an die Eltern.

Der Zusammenhang zwischen elterlichem und kindlichem Verhalten wurde in unzähligen Studien immer wieder bestätigt. Allerdings ist der gefundene Zusammenhang stärker, wenn man das Verhalten des Kindes in der Situation nach der Rückkehr der Mutter beobachtet als bei ihrer Abwesenheit. Die Vermutung liegt nahe, dass in diesen zwei verschiedenen Situationen unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen. Die Reaktion auf den Stress, wenn sich die Mutter aus dem Raum entfernt, könnte eine Frage des Temperamentes des Kindes und dadurch genetisch bedingt sein. Wie schnell sich das Kind beruhigt, könnte dagegen vom mütterlichen Verhalten abhängen. In anderen Worten: Wie stark Kinder auf Stress reagieren, wird ihnen in die Wiege gelegt. Wie sie aber mit Stress umgehen, können Eltern durch ihr Verhalten beeinflussen.

Diese Vermutung wurde in einer Studie von einer Gruppe US-amerikanischer Forscher bestätigt. Kleinkinder, die eine bestimmte Gen-Variation (5-HTTLPR) aufwiesen, reagierten mit erhöhtem Stress auf die Abwesenheit der Mutter. Die 5-HTTLPR Variation sagte aber nicht das Verhalten der Kinder bei der Rückkehr ihrer Mutter vorher. Letzteres wurde dadurch bestimmt, wie feinfühlig die Mutter war (was ein halbes Jahr vorher in einer anderen Situation beobachtet wurde). Kinder von Müttern und Vätern, die feinfühlig auf die kindlichen Bedürfnisse reagieren, lernen mit der elterlichen Hilfe, sich vom Stress schnell zu erholen. Kinder von Eltern dagegen, die wenig oder falsche Reaktionen auf kindliche Bedürfnisse zeigen, haben in Stresssituationen Mühe, sich zurecht zu finden.

Als Eltern haben wir es also nicht in der Hand, ob unsere Kinder schnell erschrecken oder viel weinen. Sehr wohl können wir ihnen aber durch einfühlsames Verhalten helfen, mit Stress umzugehen und sich trotz Hindernisse im Leben sicher zu fühlen.



Quelle: Raby, K. L., Cicchetti, D., Carlson, E. A., Cutuli, J. J., Englund, M. M., & Egeland, B. (2012). Genetic and caregiving-based contributions to infant attachement: Unique associations with distress reactivity and attachment security. Psychological Science, published online 24 July 2012.

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.