Ein Augenblick der Aufmerksamkeit

von Dr. Simone Schoch


Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen zwischenmenschliche Beziehungen. Fehlende soziale Kontakte führen sowohl zu physischen als auch psychischen Problemen. Gerade weil Beziehungen so wichtig sind für uns, scheinen wir ganz unbewusst die Fähigkeit entwickelt zu haben, bereits die kleinsten Zeichen sozialer Anerkennung oder Zurückweisung zu erkennen. Schon ein kurzer Augenkontakt im Tram, zum Beispiel, kann das Gefühl von zwischenmenschlichem Interesse hervorrufen. Schaut mir im Gegensatz eine Person partout nicht in die Augen, wird dies als Zeichen von Desinteresse oder gar Zurückweisung interpretiert. Eine internationale Forschergruppe hat sich genau für diese Zusammenhänge interessiert. Konkret untersuchten die Forscher in einer Feldstudie, wie sich Menschen fühlen, wenn ihnen auf der Strasse eine fremde Person entgegenkommt und diese „durch die Person hindurch schaut“ als würde sie gar nicht existieren. Die Forscher nahmen an, dass der blosse Augenkontakt mit einer fremden Person das Gefühl zwischenmenschlicher Unverbundenheit reduziert. Wird man jedoch von einer Person wie Luft behandelt, so sollte das Gefühl von Ablehnung und Unverbundenheit verstärkt werden. Weiter testeten die Forscher, ob der Augenkontakt alleine bereits für ein Gefühl der zwischenmenschlichen Verbundenheit reicht, oder ob dazu auch ein Lächeln nötig ist. Um diese Fragen zu klären, gingen die Forscher wie folgt vor: Ein Experimentator und eine eingeweihte junge Frau positionierten sich auf einem lebhaften Platz eines grossen Universitätsgeländes. Sobald sich eine Person näherte, die alleine und ohne Ablenkung (z.B. durch Musik oder Telefon) unterwegs war, ging ihr die junge, eingeweihte Frau entgegen. Dabei richtete die junge Frau in der experimentellen Bedingung „durch die Person hindurchschauen“, ihren Blick auf die Ohren der entgegenkommenden Person. In einer anderen Bedingung schaute die junge Frau der entgegenkommenden Person direkt in die Augen. In der letzten Bedingung lächelte die junge Frau zusätzlich zum Augenkontakt. Nachdem die Person ca. 5-6 Meter weitergelaufen ist, wurde sie vom Experimentator angehalten und gefragt, ob sie an einer Studie teilnehmen möchte. Insgesamt haben 282 Personen eingewilligt und folgende zwei Fragen beantwortet: „Wie stark haben sie sich anderen Personen gegenüber unverbunden gefühlt innerhalb der letzten Minuten?“ und „Hast du innerhalb der letzten Minuten ein Zeichen der Verbundenheit durch eine fremde Person erfahren?“ Personen der Kontrollgruppe wurden nur diese Fragen gestellt, ohne dass ihnen die junge Frau entgegengelaufen ist. Die Resultate bestätigten die Hypothesen. Personen in den beiden Augenkontakt-Bedingungen fühlten sich stärker verbunden und akzeptiert als Personen, durch die hindurch geschaut wurden. Diese Resultate zeigten sich jedoch nur dann, wenn die Personen den Augenkontakt respektive das Lächeln auch bemerkt haben.

Die Studie konnte zeigen, dass bereits kleinste Zeichen von sozialer Anerkennung unser Befinden und Erleben beeinflusst. Es ist jedoch anzunehmen, dass diese Effekte je nach Umgebung und kulturellem Kontext unterschiedlich stark sind. So wird der Einfluss von fehlenden Zeichen sozialer Anerkennung in kleinen Dörfern wohl viel negativer auffallen als in einer anonymen Grossstadt.

Ganz egal jedoch, wo auf dieser Welt: Bereits ein Augenblick der Aufmerksamkeit kann unser zwischenmenschliches Wohlbefinden und Zugehörigkeitsgefühl steigern.



Quelle: Wesselmann, E. D., Cardoso, F. D., Slater, S., & Williams, K. D. (2012). To be looked at as though air: Civil attention matters. Psychological Science, 23(2), 166-168.

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.