Yoga und Meditation blasen das Ego auf

von Oliver Kaftan

 

Dem Ego eilt sowohl in der Yoga-Philosophie als auch im Buddhismus kein guter Ruf voraus. Es gilt die falsche Vorstellung von einem Ego oder Ich zu durschauen, bestimmte Inhalte des Geistes nicht festhalten zu wollen, nicht anzuhaften. Durch achtsame Beobachtung der eigenen Geistesvorgänge bei der Meditation identifiziert man sich immer weniger mit diesen, das Gedankenkarussell beruhigt sich, der Geist entspannt sich bzw. erkennt man dessen wahre Natur. Das angestrebte Nirvana bedeutet wortwörtlich „erloschen“ und wird oft als Zustand absoluter Glückseligkeit oder absoluten Glücks interpretiert, der daraus entsteht, dass man das Ego oder die falsche Vorstellung von einem „Ich“ auslöscht.

Doch dienen Körper-Geist-Praktiken wie Yoga und Meditation tatsächlich der Überwindung des Egos oder blasen sie es nicht vielmehr auf? Es liesse sich nämlich auch argumentieren, dass Personen bei diesen Praktiken stark auf sich selbst bzw. das eigene Ich fokussieren, dies ihr positives Selbstbild erhöht und sie sogar denken besser zu sein als andere. Dies scheint unter anderem deshalb plausibel, weil man sich allgemein durch stetige Übung einer Tätigkeit – also auch von Yoga und Meditation – fortwährend darin verbessert und die Tätigkeit für einen selbst an Bedeutung gewinnt. Wenn Yoga und Meditation aber eine zentrale Bedeutung im eigenen Leben einnehmen, kann man eine Identität als Yoga- oder Meditationspraktizierender entwickeln und dieser anhaften. So denkt man z.B. „Ich bin eine gute Yogini“ oder – neutraler – „Ich bin ein Meditierender“, was nach buddhistischer Auffassung aber eine falsche Identifikation mit einer nur scheinbar beständigen Identität und damit ein fruchtbarer Nährboden für das Ego ist. Denn jede Vorstellung von „Ich bin so und so, der und der, aber nicht so und so“ ist letztlich auch nur eine Konstruktion des Denkens, ein Gedanke, an den man nicht anhaften sollte.

Jochen Gebauer und seine Kollegen wollten es deshalb genau wissen und begleiteten in einem ersten Experiment 93 Personen aus verschiedenen Yogaschulen über 15 Wochen. Die Forscher teilten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zufällig in eine Experimental- oder eine Kontrollgruppe ein. Personen in der Experimentalgruppe gaben jeweils unmittelbar nach einer Yogalektion an, wie stark sie verschiedenen Aussagen zustimmten, die sich bezogen auf ihre Selbstzentralität (z.B. „Während der ganzen Yogalektion achtsam auf die Übungen zu fokussieren, ist zentral für mich“), ihre Selbstaufwertung im Vergleich zu anderen Personen aus der Yogastunde (z.B. „Im Vergleich zum durchschnittlichen Kursteilnehmer, kann ich besser (vs. schlechter) achtsam auf die Übungen fokussieren“), ihren kommunalen Narzissmus (z.B. „Ich werde der Welt Frieden und Gerechtigkeit bringen“) und ihren Selbstwert („Momentan habe ich einen hohen Selbstwert“). Personen in der Kontrollgruppe beantworteten dieselben Fragen, allerdings direkt vor der Yogastunde, nachdem sie zuvor für mindestens einen Tag kein Yoga gemacht hatten.

Die Ergebnisse zeigten, dass Personen in der Experimentalgruppe auf allen Dimensionen deutlich höhere Werte hatten als Personen in der Kontrollgruppe, ihr Ego also gemäss den Autoren aufgeblasener war.

In einem zweiten Experiment wollten die Forscher sodann wissen, ob das Gleiche für die Praxis der Meditation gilt. Dazu teilten sie 62 Personen mit Meditationserfahrung erneut zufällig einer Experimental- und Kontrollgruppe zu und gaben allen Probanden eine Audiodatei mit einer geführten Meditation mit nach Hause, die sie über vier Wochen einmal wöchentlich machen sollten. Wie im ersten Experiment beantwortete die Experimentalgruppe verschiedene Fragen nach der Meditation, die Kontrollgruppe hingegen vor der Meditation. Die Fragen waren nicht identisch wie im ersten Experiment, aber ähnlich und auf den Inhalt der Meditation zugeschnitten. Zum Beispiel wurde die Selbstaufwertung erfasst über das Ausmass der Zustimmung zu Aussagen wie: „Im Vergleich zum Durchschnittsteilnehmer dieses Experiments bin ich freier (vs. weniger frei) von Hass“. Erneut zeigte sich unter anderem, dass Personen in der Experimentalgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe über eine höhere Selbstzentralität berichteten, sie Aussagen stärker zustimmten, wonach sie besser als der Durchschnittsteilnehmer sind, und auch ihr Selbstwert höher war.

Zusammengefasst deuten die Ergebnisse also darauf hin, dass sowohl Yoga als auch Meditation das Ego kurzfristig aufblasen. Zumindest galt dies für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Studie und es stellt sich z.B. die Frage, ob die Befunde mit Probanden aus nichtwestlichen Kulturen identisch ausgefallen wären. In westlichen Ländern sind Yoga und Meditation für viele Menschen keine Art zu leben, sondern zuweilen zu Freizeitelementen eines hippen Lebensstils verkommen, der letztlich ein „Ego-Trip“ ist und keine selbstlose Reise. Deshalb ist es wichtig, dass Folgestudien das Phänomen weiter untersuchen, um herauszufinden, unter welchen Umständen Yoga und Meditation das Ego aufblasen statt dessen Überwindung zu fördern. So könnten Yoga und Meditation beispielsweise in Abhängigkeit der Haltung oder Anleitung des Lehrers bzw. der Lehrerin oder je nach Persönlichkeitseigenschaften des Praktizierenden (z.B. Selbstverliebtheit vs. Bescheidenheit) ganz unterschiedlich Auswirkungen haben. Ebenfalls muss noch erforscht werden, wie lange die gefundenen Effekte anhalten.

 

 

Literaturangaben:
 

Gebauer, J. E., Nehrlich, A. D., Stahlberg, D., Sedikides, C., Hackenschmidt, A., Schick, D., … Mander, J. (2018). Mind-body practices and the self: yoga and meditation do not quiet the ego but instead boost self-enhancement. Psychological Science, 0956797618764621. https://doi.org/10.1177/0956797618764621

 

 

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
Verwendung und Vervielfältigung in jeder Form, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.