Wie entwickelt sich Angst?

Von Dr. Jana Nikitin


Angst ist überlebenswichtig. Ohne Angst würden wir uns in Gefahren stürzen und unsere Überlebenschancen dadurch gen Null bewegen. Deshalb gibt es in unserem Gehirn Strukturen, die uns ermöglichen, Gefahren sofort zu erkennen und blitzschnell zu reagieren. Wann und wie entwickeln sich diese Strukturen und damit eine der zentralen Emotionen im Leben jedes Menschen?

Babys lernen Gefahren zu erkennen, in dem sie mit ihrer Umwelt interagieren. So entdecken sie zum Beispiel die Gefahr, die von einem Zusammenstoss mit einem harten Objekt kommt, in dem sie sich unabsichtlich mit der Rassel auf den Kopf hauen. Sie lernen aber nicht nur durch direkte Begegnung mit potentiell gefährlichen Objekten und Lebewesen, sondern auch durch die Beobachtung von anderen Menschen. Die Angst eines Anderen signalisiert ihnen, dass sie selbst gefährdet sind.

So betrachten Babys ängstliche Gesichter länger als fröhliche oder neutrale Gesichter, vermutlich weil sie wissen wollen, was die Quelle dieser Angst ist. Die visuelle Präferenz für ängstliche Gesichter wird begleitet von erhöhter Gehirnaktivität. Zudem sind Babys in der Lage zu erkennen, welches Objekt in der Umwelt gefährlich ist, in dem sie die Blickrichtung eines ängstlichen Menschen interpretieren.

Die Fähigkeit, aus den Gesichtern anderer Menschen Angst abzulesen, entwickelt sich erst in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres, frühestens ab etwa fünf Monaten. Gleichzeitig reifen auch die dazu benötigten Gehirnareale. Diese Entwicklung ergibt Sinn, wenn man bedenkt, dass im Alter von etwa einem halben Jahr Babys beginnen zu krabbeln und die Welt zu entdecken. In einem solchen Moment zu wissen, wo die Gefahr lauert, in dem man kurz das Gesicht der Mutter prüft, kann einem unangenehme Erfahrungen ersparen.

Babys erkennen nicht nur Gefahren, die ihnen Menschen signalisieren, sondern auch Gefahren, die von Menschen selbst kommen. So bewegen sie ihre Augen schneller zu einem verärgerten als zu einem fröhlichen Gesicht. Dasselbe tun sie übrigens auch bei Schlangen und Blumen. Sie entdecken eine Schlange schneller als eine Blume, was dafür spricht, dass die Aufmerksamkeit für bestimmte Gefahren angeboren ist (wie viele Babys begegnen schon im zarten Alter von sechs Monaten einer Schlange?).

Ähnliche Entwicklung machen ausser Menschen auch zum Beispiel Affen und Ratten. Immer dann, wenn sich der Nachwuchs langsam von den Eltern abnabelt, beginnt bei ihm die Angst und die Fähigkeit, Angst bei den Artgenossen zu erkennen. Und warum entwickelt sich diese Fähigkeit nicht schon früher? Vermutlich weil die Babys so die Möglichkeit voll nutzen können, in den ersten Wochen und Monaten ihres Lebens eine feste Bindung zu ihrer Mutter und anderen Betreuungspersonen zu entwickeln. Die Angst kann da noch warten.


Quelle: Leppänen, J.M., & Nelson, Ch.A. (2012). Early development of fear processing. Current Directions in Psychological Science, 21, 200 – 204.

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.