Warum Gruppen ihre eigenen Mitglieder manchmal schlechter als Aussenstehende behandeln
von Tove Hensler
Eine der bekanntesten Erkenntnisse der Psychologie ist die Bevorzugung der eigenen Gruppe: Wir vertrauen Gruppenmitgliedern mehr, verzeihen ihnen leichter und fühlen uns ihnen näher, nur weil sie «zu uns gehören». Umso überraschender ist es, wenn Gruppen sich gegen eines ihrer eigenen Mitglieder wenden. In einem Übersichtsartikel erklären Forschende der Universität Porto dieses Phänomen und welchen Zweck es erfüllen kann.
Menschen gehören gleichzeitig zu mehreren Gruppen, so wie Familie, Arbeitsteam, Nachbarschaft oder Freizeitverein. Gruppenmitglieder sind miteinander verbunden und teilen gemeinsame Werte, Ziele oder Erfahrungen.
Die Forschung zeigt, dass ein Gruppenmitglied, das gegen die Normen der Gruppe verstösst, z.B. indem es unehrlich handelt oder unpopuläre Meinungen äussert, oft härter von der Gruppe beurteilt wird als einen Aussenstehenden, der genau dasselbe tut. Diese Reaktion wird als «Schwarzes Schaf-Effekt» bezeichnet und steht im Gegensatz zu dem, was wir aufgrund der Bevorzugung von Gruppenmitgliedern erwarten würden; anstatt das «Schaf» zu schützen, grenzt die Gruppe es aus.
Warum passiert das? Wenn sich ein Gruppenmitglied falsch verhält, kann sich das für andere Mitglieder wie eine Bedrohung für die Identität der Gruppe anfühlen. Ein Aussenstehender, der sich schlecht benimmt, sagt nichts darüber aus, wer wir sind. Ein Gruppenmitglied aber, das sich schlecht benimmt, wirft unangenehme Fragen auf: «Was sagt das über uns aus? Denken andere, dass wir auch so sind?» Um den Ruf der Gruppe und ihr eigenes Selbstbild als gute Gruppenmitglieder zu schützen, reagieren Menschen manchmal heftig auf das abweichende Mitglied: Sie kritisieren es, distanzieren sich von ihm oder schliessen es aus. Auf diese Weise ist die harte Behandlung eigentlich eine verdrehte Form von Loyalität: der Versuch zu zeigen, dass «der Rest von uns nicht so ist».
Besonders Gruppen, die sich unsicher, beurteilt oder unter Druck gesetzt fühlen, neigen dazu, die Reihen zu schliessen und schwarze Schafe auszuschliessen. Aber nicht alle Gruppen reagieren so. Manche tolerieren oder schätzen Mitglieder, die anders denken, vor allem, wenn sie neue Perspektiven einbringen oder Probleme aufzeigen.
Das Verständnis, dass wir zwar unsere eigenen Leute bevorzugen, sie aber auch härter beurteilen, wenn sie unser Selbstbild bedrohen, hilft, Konflikte in Familien, Teams, Freundeskreisen und Gemeinschaften zu erklären. Ausgrenzung entsteht oft aus dem Bedürfnis der Gruppe, ihre Identität zu verteidigen, und nicht allein aus dem abweichenden Verhalten des Mitglieds. Diese Erkenntnis kann Gruppen dabei understützen, bewusster und weniger ängstlich zu reagieren, wenn jemand einmal aus der Reihe tanzt.
Literaturangaben:
Marques, J., & Pinto, I. R. (2023). Inclusion, exclusion, and marginalization of group deviants. Oxford research encyclopedia of psychology. doi:10.1093/acrefore/9780190236557.013.261
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