Nicht Nur Was Gesagt Wird, Sondern Wie es Zusammenhängt: Wie Tweets die verborgene «Struktur» von Depression sichtbar machen
von Ziqi Zhang
Depression wird oft als Liste von Symptomen beschrieben: niedergeschlagene Stimmung, Müdigkeit, Schlafprobleme und Interessenverlust. Es erscheint naheliegend, dass man in den sozialen Medien einer depressiven Person mehr negative Wörter finden würde, wenn man diese analysiert.
Jedoch legt eine in Nature Communications veröffentlichte Studie nahe, dass eine Betrachtung der Häufigkeit (wie oft man traurige Wörter verwendet) das Gesamtbild übersieht. Forschende vom Trinity College Dublin analysierten die Twitter-Historie von fast 1'000 Personen, um eine Netzwerktheorie zu testen: Depression ist nicht nur ein mentaler Zustand, sondern ein starres Netzwerk von sich selbst verstärkender Rückkopplungsschleifen.
Methode
Sie analysierten ein vollständiges Jahr an Tweets von 946 Teilnehmenden. Die Nutzer berichteten genau, wann sie im vergangenen Jahr depressive Episoden hatten, dadurch konnten die Forschenden «Zeitreisen» um die Sprachstruktur während einer depressiven Episode mit einer Phase vergleichen, in der sich die Nutzer wohl fühlten.
Zentrale Ergebnisse
Vernetzung > Häufigkeit: Man könnte erwarten, dass während einer depressiven Episode einfach mehr negative Wörter verwendet werden. Überraschenderweise war dies nicht der Hauptfaktor. Die Forschenden haben herausgefunden, dass sich die durchschnittliche Nutzung bestimmter sprachlicher Merkmale zwischen gesunden und depressiven Phasen kaum veränderte. Was sich jedoch änderte, war, wie stark diese Merkmale miteinander verknüpft waren
- Ausserhalb einer Episode: Eine Person verwendet z.B. das Wort «ich» (Selbstfokus) in einem Tweet und negative Emotionswörter zu einem anderen Zeitpunkt in der Woche. Die Gedanken sind locker und flexibel.
- Innerhalb einer Episode: Das Netzwerk verdichtet sich. Wenn die Person «ich» verwendet, benutzt sie statistisch deutlich häufiger auch zeitgleich negative Emotionen, Verneinungen («nicht», «nie») oder Schimpfwörter.
Das «Volumen» an Traurigkeit wird also nicht unbedingt grösser, aber die «Verkabelung» zwischen Selbstbezug und negativem Inhalt (Traurigkeit) wird enger. Das mentale System wird starrer, wodurch es schwieriger wird, sich von Stress zu erholen.
Fazit
Die Studie unterstützt die Idee, dass Depression wie eine Falle wirkt. Wenn das Netzwerk aus Symptomen (und sprachlichen Merkmalen) stärker miteinander verbunden ist, entsteht eine sich selbst erhaltende Rückkopplungsschleife.
Auch wenn die Autor:innen betonen, dass Twitter-Daten rauschbehaftet sind und nicht zur Diagnose einzelner Personen genutzt werden sollte, liefert die Studie einen wichtigen Einblick für alle, die sich dafür interessieren, wie das Denken funktioniert: Genesung könnte nicht nur darin bestehen, weniger negative Gedanken zu haben, sondern auch darin, den Einfluss zu lockern, den diese Gedanken aufeinander ausüben.
Literaturangaben:
Kelley, S. W., & Gillan, C. M. (2022). Using language in social media posts to study the network dynamics of depression longitudinally. Nature Communications, 13(1), 870. https://doi.org/10.1038/s41467-022-28513-3
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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