Header

Suche

Je grösser das Problem, desto kleiner erscheint es: Wie Informationen zur Prävalenz die wahrgenommene Schwere eines Problems verringern können

von Molly Lin

Statistiken von staatlichen Stellen, NGOs und Forschungseinrichtungen begleiten uns im Alltag und sollen verdeutlichen, wie schwerwiegend Probleme wie Armut, Klimawandel usw. sind. «Die Zahl der sehr heissen Tage hat sich seit dem letzten Jahrhundert verdoppelt», «Der Meeresspiegel ist von 1901 bis 2018 um 20 cm gestiegen»… Wie fühlen Sie sich bei solchen Aussagen? Denken Sie «Wow, das ist ein grosses Problem» oder eher «Zahlen, Zahlen, Zahlen...»?

Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im Journal of Personality and Social Psychology, fand einen sehr interessanten Effekt, den sie als «Paradoxon des grossen Problems» bezeichnen. Die Forschenden beobachteten dabei folgendes Phänomen: Mitunter gilt, dass Leser*innen umso gleichgültiger auf ein Problem reagieren, je mehr Statistiken zu dessen Schwere präsentiert werden. Doch stimmt das? Und wenn ja, warum?

Zur Beantwortung dieser Frage führten die Forschenden 15 experimentelle Studien durch, die Daten von insgesamt 2.636 Teilnehmenden aus Online- und Feldstudien umfassten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmenden ein Problem als weniger schwerwiegend wahrnahmen, wenn sie Informationen über dessen Verbreitung erhielten, als wenn solche Angaben fehlten. Bemerkenswerterweise zeigte sich dieser Effekt auch bei realen Kampagnen: Erwähnten Organisationen in ihren Werbeanzeigen, wie verbreitet ein Problem ist, wurde es von Betrachter*innen als weniger gefährlich eingeschätzt.

Warum nehmen wir weit verbreitete Probleme oft als weniger besorgniserregend wahr? Ein plausibler Grund liegt in unserem Optimismus. Menschen gehen meist davon aus, dass die Welt im Grunde ein guter Ort ist, in dem Probleme gelöst werden. Diese positive Sichtweise lässt uns annehmen, dass ein weit verbreitetes Problem bereits die Aufmerksamkeit vieler auf sich gezogen hat und daher bald gelöst wird. Gleichzeitig kann diese Haltung auch eine Strategie sein, um negative Emotionen zu regulieren, die durch die beunruhigenden Informationen ausgelöst werden.

Auch wenn man dieses Verhalten als eine Art «Kopf-in-den-Sand-Strategie» betrachten könnte, also das Wegsehen von Informationen über die Prävalenz eines Problems, liefert es wertvolle Erkenntnisse über die Gestaltung von Kampagnen. Es ist nicht zielführend, das gesamte Ausmass eines Problems auf einmal zu vermitteln. Stattdessen sollten sich Kampagnen auf einzelne Aspekte konzentrieren, um die kognitive Belastung der Menschen zu reduzieren.

Literatur

Eskreis-Winkler, L., Troncoso Peres, L. T., & Fishbach, A. (2025). The bigger the problem the littler: When the scope of a problem makes it seem less dangerous. Journal of Personality and Social Psychology, 128(4), 790806. https://doi.org/10.1037/pspa0000409

 

Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
Verwendung und Vervielfältigung in jeder Form, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors.