412 Freunde und noch viel mehr - die Anatomie sozialer Netzwerke im Internet

von Miriam Depping


Wurde man einst nach seiner Telefonnummer gefragt, lautet die Frage inzwischen “Bist du auf Facebook?”. Facebook ist die am viert häufigsten besuchte Internetseite der Welt. Soziale Netzwerke im Internet gewinnen immer mehr an Bedeutung. Durch solche und ähnliche Portale haben Menschen die Möglichkeit sich mit ihren Freunden, Bekannten und auch flüchtigen Begegnungen zu verbinden, eine “Freundschaft” einzugehen. Eine Facebook-Freundschaft bedeutet, dass man den Beiträgen einer Person folgen kann, die auf ihrer Seite Fotos, Stimmungen und Artikel teilt. Nicht selten haben Personen sehr grosse Netzwerke von Facebook-Freunden. Doch stehen solche grossen Netzwerke im Widerspruch damit, persönlich bedeutsame Beziehungen zu pflegen? Treten grosse, unpersönliche soziale Netzwerke an die Stelle von verlässlichen Beziehungen zu engen Freunden? Diese Frage ist (nicht zuletzt) wichtig, weil die Fähigkeit zur Intimität in Beziehung als eine der grossen Entwicklungsherausforderungen im jungen Erwachsenenalter zählt.

Forscher der University of California Los Angeles (UCLA) haben sich mit diesem Wechselspiel aus Netzwerkgrösse und empfundener Intimität bei Universitätsstudenten auseinandergesetzt. Dafür haben sie eine Umfrage im Internet durchgeführt, in der die Teilnehmer einige Fragen über Ihre Facebook-Nutzung und eine zufällige Auswahl ihrer Kontakte beantworteten. Dabei konnten die Forscher bestätigen, dass Facebook grosse soziale Netzwerke fördert, die rapide durch lose und distanzierte Kontakte wachsen. Zusätzlich wachsen die Netzwerke auch durch neue engere Kontakte, aber nicht ganz so schnell. Personen, die ein grösseres Netzwerk haben, schätzten die Anzahl ihrer Kontakte die ihre Aktivität verfolgen höher ein. Sie gehen also von einem grösseren virtuellen Publikum aus. Auf die Frage, warum die Teilnehmer Beiträge auf Facebook stellten, wurde die Offenbarung von Gefühlen als Hauptgrund genannt. Gefühle zu offenbaren ist eines der Hauptmittel, mit dem wir in zwischenmenschlichen Beziehungen Intimität herstellen. In sozialen Netzwerken wie Facebook scheinen Personen also eine andere Art von Intimität zu leben, als in zwischenmenschlichen Beziehungen ausserhalb des Internets.

Zudem wurde in der Studie gezeigt, dass Teilnehmer mit einem grösseren Netzwerk (und somit grösseren wahrgenommenen Publikum) auch eine höhere Lebenszufriedenheit berichtet haben und sich auf Facebook mehr sozial unterstützt fühlen. Das Publikum bekommt also eine besondere Bedeutung. Soziale Netzwerke scheinen somit auf eine andere Art psychosoziale Bedürfnisse nach Unterstützung und Intimität zu befriedigen. Gleichzeitig haben besonders Universitätsstudenten, die durch Facebook mehr Kontakt zu ihren Schulfreunden pflegten, Facebook noch stärker als wichtiges Instrument für soziale Unterstützung wahrgenommen. Am Ende zählt also nicht ausschliesslich die Menge der Kontakte, sondern auch die Art der Kontakte.

Literaturangaben:
Manago, A. M., Taylor, T., & Greenfield, P. M. (2012). Me and my 400 friends: the anatomy of college students' Facebook networks, their communication patterns, and well-being. Developmental psychology, 48(2), 369.

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