Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Männern verglichen mit Frauen

Psychotherapie-Nutzung von Männern, männliche Rollennormen und Männer-typische Depressionssymptome: Untersuchung von 716 Personen mit psychischer Belastung

Auf einen Blick

  • In der aktuellen Stichprobe von psychisch belasteten Personen nahmen Männer im Vergleich zu Frauen mit 29% geringerer Wahrscheinlichkeit eine Psychotherapie in Anspruch. 
  • Die Männliche Rollenidentität war direkt assoziiert mit einer reduzierten Inanspruchnahme von Psychotherapie, während sich bei der Adhärenz zu traditionellen Männerrollennormen (AtTMRN) keine Unterschiede zeigten.
  • Externalisierende, männertypische Depressionssymptome waren bei Männern (nicht so bei Frauen) mit einer reduzierten Inanspruchnahme von Psychotherapie assoziiert.
  • Männer wiesen im Vergleich zu Frauen geringere Werte an traditionellen Depressions- und Angstsymptomen auf, aber vergleichbare männertypische Depressionssymptome.  
  • Psychisch belastete Männer, die sich nicht in Psychotherapie befanden, unterschieden sich in Bezug auf die Ausprägung der psychischen Gesundheit nicht von Männern in Psychotherapie. 
  • Eine geringere Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Männern war mit höheren männertypischen Depressionssymptomen, niedrigeren Angstsymptomen und höherer selbst identifizierter Männlichkeit verbunden. 
  • Männliche Rollennormen und psychische Gesundheit beeinflussen die Vorhersage der Inanspruchnahme von Psychotherapie bei psychisch belasteten Männern. 
  • Männer mit hoher AtTMRN nutzen Psychotherapie nur bei erhöhter Symptomatik. 

Hintergrund

Männer nehmen weniger oft psychiatrische und psychotherapeutische Dienstleistungen in Anspruch als Frauen. Ein Grund dafür ist, dass Männer (bei einer Depression oder Angststörung) eher externalisierende, männertypische Symptome zeigen. Diese nicht-prototypische Symptompräsentation kann erklärt werden durch die traditionelle, männertypische Sozialisation und die daraus resultierende AtTMRN. Obwohl das Forschungsinteresse an geschlechtsspezifischen Unterschieden wuchs, wurde in bisherigen Studien der tatsächliche Psychotherapiegebrauch bei Männern und Frauen wenig betrachtet. Daher untersuchte die vorliegende Studie prototypische und externalisierende Depressions- und Angstsymptome, Geschlechtsrollenidentität, AtTMRN und deren Interaktionen als Prädiktoren für die Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Männern und Frauen, welche sich als psychisch gestresst bezeichneten.

Methoden

In der anonymen Online-Studie zu Geschlechterrollen und Psychotherapienutzung wurden 716 Teilnehmer (männlich: N = 267; 37%) untersucht, die angaben, derzeit unter psychischem Stress zu leiden. Es wurden Informationen über die Inanspruchnahme von Psychotherapie, Depressionen (PHQ-9, MDRS-22), Angstsymptome (GAD-7), Geschlechterrollenidentität (BSRI) und traditionelle männliche Rollennormen (MRNS) erhoben. 

Resultate: Deskriptiv

66 Männer (24.7%), und 156 Frauen (34.7%) berichteten, derzeit in Psychotherapie zu sein. Männer hatten verglichen zu Frauen eine 29% tiefere Wahrscheinlichkeit, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen (in der Abbildung nicht ersichtlich).

  • Männer wiesen signifikant tiefere Werte bei prototypischen Depressionssymptomen auf als Frauen (Fig. 2, A)).
  • Bei den externalisierenden, männertypischen Depressionssymptomen zeigte sich kein Geschlechtsunterschied (Fig. 2, B)).
  • Die Depressionswerte unterschieden sich nicht signifikant zwischen Männern in Psychotherapie und jenen, die nicht in Psychotherapie waren (Fig. 2, A,B)). 
  • Frauen in Psychotherapie wiesen signifikant höhere Werte bei den prototypischen Depressionssymptomen auf als Frauen, die nicht in Psychotherapie waren, wohingegen sich bei den externalisierenden Symptomen kein Unterschied zeigte (Fig. 2, A, B)).
  • Männer zeigten signifikant weniger Angstsymptome als Frauen (Fig. 2, C)). Die Angstsymptome unterschieden sich nicht zwischen Männern in Psychotherapie und Männern, die nicht in Psychotherapie waren, während Frauen in Psychotherapie signifikant höhere Angst-Scores aufwiesen als Frauen, die nicht in Psychotherapie waren (Fig. 2, C)).
Eggenberger Fig 2

Resultate: Gruppenvergleiche

  • Männer, die sich in Psychotherapie befanden, hatten signifikant tiefere Werte bei der männlichen Geschlechtsrollenidentität (Fig. 3, A)) verglichen zu jenen, die nicht in Psychotherapie waren.
  • Bei der weiblichen Geschlechtsrollenidentität zeigten sich keine Unterschiede (Fig. 3, B)). Frauen, die sich in Psychotherapie befanden, und Frauen, die sich nicht in Psychotherapie befanden, unterschieden sich nicht signifikant bezüglich ihrer männlichen und weiblichen Geschlechtsrollenidentität (Fig. 3, A), B)).
  • Männer wiesen verglichen mit Frauen höhere Werte bei der AtTMRN auf (Fig. 3, C)).
  • Die AtTMRN-Werte unterschieden sich nicht zwischen Männern in Psychotherapie und Männern, die nicht in Psychotherapie waren (Fig. 3, C)). 
  • Frauen in Psychotherapie hatten signifikant tiefere AtTMRN-Werte als Frauen, die nicht in Psychotherapie waren.
.

Resultate: Binäre Logistische Regression

Mittels einer binären logistischen Regression wurden potentielle Prädiktoren der Inanspruchnahme der Psychotherapie untersucht. Dabei zeigte sich bei den Männern, dass die Wahrscheinlichkeit, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen assoziiert ist mit einer höheren Anzahl externalisierender Depressionssymptome, einer tieferen Anzahl von Angstsymptomen und einer höheren Identifikation mit der männlichen Geschlechtsidentität. Bei den Frauen war lediglich ein tieferes Level von Angstsymptomen mit der Wahrscheinlichkeit, eine Psychotherapie zu beanspruchen, zusammenhängend (Fig. 4).

.

Resultate: Interaktionsanalyse

Betrachtet man die Ergebnisse der Interaktionsanalysen bei Männern, so findet man eine konsistente Interaktion zwischen AtTMRN und psychischen Symptomen in Bezug auf die Inanspruchnahme von Psychotherapie: Männer mit hoher AtTMRN machten nur von Psychotherapie gebrauch, wenn sie viele psychische Symptome verspürten, während es bei Männern mit tiefer AtTMRN bezogen auf die Inanspruchnahme von Psychotherapie keinen Unterschied machte, wie viele psychische Symptome sie verspürten (Fig. 5).

.

Quelle

Eggenberger, L.; Fordschmid, C.; Ludwig, C.;Weber, S.; Grub, J.; Komlenac, N.;Walther, A. (2021) Men’s Psychotherapy Use, Male Role Norms, and Male-Typical Depression Symptoms: Examining 716 Men and Women Experiencing Psychological Distress. Behav. Sci., 11, 83. https://doi.org/10.3390/bs11060083