Psychologisches Institut – Forschungsstelle Moral Intelligence

Geschützte Werte

Eng verknüpft mit dem Konzept der Moralischen Intelligenz ist die Frage, wie Wert- und Moralvorstellungen Entscheiden und Verhalten beeinflussen. Neuere Sozial- und Kognitionspsychologische Ansätze gehen vom Konzept der „Geschützten Werte“ aus (protected or sacred values). Damit sind nicht bloß wichtige Werte oder Einstellungen gemeint. Es geht um Entitäten oder Werte, die von Individuen oder einer Gemeinschaft explizit oder implizit als absolut, unantastbar und nicht substituierbar gesehen werden (wie z.B. Menschenleben, Umwelt, Tiere, Freiheit, Demokratie, Ehre, Ehrlichkeit, Menschenrechte).

Geschützte Werte haben sowohl wichtige theoretische als auch praktische Implikationen. Sie widersprechen der ökonomischen Rationalität („homo economicus“), wonach Entscheiden im Wesentlichen ein Kosten-Nutzen-Abwägungsprozess ist, in dessen Folge Merkmale und Werte untereinander verglichen, gegeneinander abgewogen und ausgetauscht werden (alle Trade-offs sind möglich). Für die Praxis ist relevant, dass Geschützte Werte eine wichtige Quelle von Konflikten darstellen, die andere Problemlösungsstrategien notwendig machen. Wir haben Schlüsselfragen in verschiedenen gesellschaftlich relevanten Themenbereichen untersucht.

Rolle von Geschützten Werten in intrapersonalen Entscheidungen

Dieser Bereich zielt auf die Untersuchung dreier Fragestellungen ab:

(1) Wie gehen Individuen mit Konfliktsituationen um, die Geschützte Werte involvieren, und welche kognitiven, affektiven und neuronalen Prozesse gehen damit einher? Unsere Befunde unterstützen die These, dass Geschützte Werte sowohl für die Regulation von Entscheidungen als auch Emotionen funktional sind. So dienen Geschützte Werte häufig als Entscheidungshilfe (Heuristik), die den Prozess der Entscheidungsfindung in erheblich erleichtern können und auch zu weniger emotionalen Belastungen führen.

(2) Reflektieren Geschützte Werte eher deontologisches oder konsequentialistisches Denken? Deontologisches Denken impliziert, dass Entscheidungsalternativen weniger aufgrund der Konsequenzen als vielmehr aufgrund von Prinzipien, was richtig oder falsch ist, bewertet werden. In Übereinstimmung damit konnten wir zeigen, dass Personen mit Geschützten Werten ihre Aufmerksamkeit stärker auf die Unterscheidung Tun vs. Unterlassen richten als auf die mit den Alternativen verknüpften Folgen.

(3) Trifft zu, dass Individuen mit Geschützten Werten—weil sie sich diesen Werten gegenüber in höherem Masse verpflichtet sehen—auch resistenter gegenüber situativen Einflüssen sind? Tatsächlich finden wir, dass Personen mit Geschützten Werten und deontologischen Orientierungen sich weniger durch Framing Effekte, monetäre Anreize und soziale Normen beeinflussen lassen. (Siehe auch unter – Moralische Intelligenz, Wirtschaftsethik).

Rolle von Geschützten Werten in interpersonalen Entscheidungen

In diesem Forschungsbereich geht es um die Funktion von Geschützten Werten in Verhandlungen zwischen mehreren Personen. Wir untersuchen, wie sich Verhandlungsparteien mit und ohne Geschützte Werte unterscheiden in Bezug auf a) ihre Bereitschaft, Zugeständnisse zu machen, b) die Wirksamkeit kognitiver Verzerrungen (fixed-pie perception), und c) ihre Fähigkeit oder Unfähigkeit, zu besseren Verhandlungsergebnissen beizutragen.

Da Geschützte Werte definitionsgemäss als nicht verhandelbar gelten, liegt die Vermutung nahe, dass solche Werte Verhandlungen eher erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. In Übereinstimmung damit, finden wir, dass Personen mit Geschützten Werten zwar “harte” Verhandlungspartner sind, die wenig oder keine Zugeständnisse bei Themen machen, die aus ihrer Sicht “schützenswert” sind. Entgegen den bisherigen Annahmen tragen Personen mit Geschützten Werten jedoch zu positiveren Verhandlungsergebnissen bei. In kulturvergleichenden Studien (Schweiz und Japan) prüfen wir die Generalisierbarkeit dieser Befunde.

Entwicklung eines Instruments zur Messung von Geschützten Werten

Wir haben ein (deutschsprachiges) Instrument zur Erfassung von Geschützten Werten entwickelt. Diese umfasst zwei Subskalen. Die eine Skala misst Geschützte Werte eher „indirekt“, indem affektive Reaktionen und moralische Empörung auf beobachtete Normverletzungen erfasst werden. Die andere Skala dagegen misst Geschützte Werte eher „direkt“, indem die Existenz essentieller Eigenschaften von Geschützten Werten (z.B. fehlende Kompensierbarkeit) erfragt werden. Anhand verschiedener Studien wurde die Reliabilität und Validität dieser Skalen untersucht.

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