Pre-Conference - Therapeutisierung im Alltag und in den Massenmedien: Interdisziplinäre Zugänge
1. September 2011, 15-19 Uhr
Organisation: Prof. Dr. H. Hausendorf
»Therapeutisierung« ist ein spätestens seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts viel besprochenes und vor allem ein viel beklagtes Phänomen: Erscheinungsformen des Sprechens und Zuhörens, von denen man annimmt, dass sie für den institutionellen Rahmen einer (Psycho)Therapie charakteristisch sind, dehnen sich über diesen Rahmen hinaus auch auf andere und immer weitere Lebensbereiche aus, auf andere Institutionen, auf den Alltag nicht institutionell gerahmter Begegnungen und Gespräche, auf Sendungen im Fernsehen, auf Internetforen und auf die Spalten der Tageszeitungen und Magazine. Therapeutisierung ist neben allem anderen, was es noch sein mag, grundsätzlich ein kommunikativer Effekt und dabei – fast immer – auf sprachliche Erscheinungsformen angewiesen. Als Phänomen und Effekt von vorrangig sprachlicher Kommunikation jedenfalls soll Therapeutisierung auf der Pre-Conference vorgestellt und diskutiert werden.
Was genau passiert und wie im Einzelnen hat man es sich vorzustellen, wenn sich Kommunikationsteilnehmer als Therapeut oder Therapeutin und als Klient oder Klientin präsentieren, ohne dass diese Aufgabenverteilung durch das Gesundheitssystem institutionell vorbereitet und abgesichert ist? Wie genau sehen die Erscheinungsformen aus, in denen sich eine Therapeutisierung von Alltagsgesprächen manifestiert? Die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen ist gleich für mehrere Disziplinen interessant: soziologisch mit Blick auf Möglichkeiten der »Selbstthematisierung« und mit Blick auf Intimisierungsphänomene in den Massenmedien; sprachwissenschaftlich und konversationsanalytisch mit Blick auf die Mittel und Formen, in denen sich ein bestimmter Diskurs semantisch und pragmatisch als »therapeutisch« konstituiert; psychologisch mit Blick auf die Frage, ob und in welcher Weise angesichts einer kaum noch überschaubaren Vielfalt gesprächs- und psychotherapeutischer Ansätze überhaupt (noch) von Gemeinsamkeiten »therapeutischer« Kommunikation gesprochen werden kann.
Die vorgesehenen Konferenzbeiträge schneiden unterschiedliche Aspekte dieser Thematik ausgehend von unterschiedlichen Bezugspunkten an: Claudio Scarvaglieri wird auf den linguistischen Forschungsstand zur psychotherapeutischen Kommunikation eingehen – wer über Therapeutisierung spricht, muss auch sagen können, was Therapie(rung) kommunikativ bedeutet; Kurt Imhof wird das Thema der Therapeutisierung in den grösseren Zusammenhang einer Intimisierung des Öffentlichen in den Massenmedien einbetten – und zeigen, dass damit eine Verwischung der Unterscheidung von privat vs. öffentlich vorangetrieben wird, mit der ein bedenklicher Rationalitätsverlust einhergeht; Peter-Paul Bänziger wird sich in seinem Beitrag am Beispiel einer ausgesprochen populären Ratgeberrubrik in einer Tageszeitung (»Liebe Marta«) Formen des Umgangs mit ›Problemgeschichten‹ (vornehmlich aus dem Bereich der Sexualität) in den Printmedien zuwenden –
so dass wir konkret sehen können, unter welchen Vorzeichen und in welchen Formen es in den Massenmedien zu Therapeutisierungsphänomenen kommt. Schliesslich wird Ulrich Streeck das Verhältnis von Deutungen in Therapiegesprächen und Deutungen in (literarisch fingierten) Alltagsgesprächen studieren und u.a. plausibel machen, dass und warum Deutungen im Alltag ihre eigene Problematik haben – was vielleicht auch für unser Verständnis der Deutungspraxis innerhalb der Therapie nicht ohne Folgen ist.
Programm
15.00-15.30 Uhr: Einführung in die Thematik
(Heiko Hausendorf)
15.30-16.15 Uhr: Claudio Scarvaglieri
16.15-17.00 Uhr: Kurt Imhof
17.00-17.30 Uhr: Pause
17.30-18.15 Uhr: Peter-Paul Bänziger
18.15-19.00 Uhr: Ulrich Streeck
Im Anschluss laden wir Sie herzlich zu einem Apéro riche ein.
Teilnahmegebühr: CHF 50.--.
Für Teilnehmer der Tagung „Psychoanalyse in Forschung und Praxis“ vom 2. und 3. September 2011 (bitte zusätzliche, separate Anmeldung beachten!) ist die Teilnahme an der Pre-Conference im Tagungspreis inbegriffen. Bitte unten bei der Anmeldung vermerken.
Flyer zur Pre-Conference
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Frau Therese Piwnik: t.piwnik@psychologie.uzh.ch
Veranstaltungsort: Universität Zürich NORD, Binzmühlestrasse 14, 8050 Zürich Lageplan
