Psychologisches Institut – Angewandte Psychologie: Life-Management

Projekt: Soziale Motivation im Erwachsenenalter


(teilgefördert durch die Stiftung Suzanne und Hans Biäsch)

«Even if social interactions influence everything from heart disease to weight to mental health, …, I can’t write a prescription script for getting new friends.» (James Moody, Science, 2009, p. 455)

In diesem Projekt befassen wir uns mit der Frage, wie Menschen soziale Beziehungen knüpfen und aufrechterhalten. Konkret interessieren wir uns um (1) die Wechselwirkung von sozialem Annäherungs- und Vermeidungsmotiv, (2) die Rolle beider Motive für Transitionen im jungen Erwachsenenalter und (3) ihre Entwicklung über das Erwachsenenalter. Zusätzlich untersuche ich (4) die Entwicklung der (In)kongruenz zwischen sozialen Motiven und persönlichen Zielen über das Erwachsenenalter.

(1) Wie interagieren das soziale Annäherungs- und Vermeidungsmotiv?

Ob sich Personen an etwas Erwünschtes annähern oder etwas Unerwünschtes vermeiden wollen, gehört zu den grundlegenden Unterscheidungen in der Motivationspsychologie. So kann man auch in zwischenmenschlichen Beziehungen entweder Annäherung suchen (Annäherungsmotiv) oder Ablehnung vermeiden (Vermeidungsmotiv). Annäherungsmotiv führt zu positiv erlebten und erfolgreichen sozialen Interaktionen, Vermeidungsmotiv ist dagegen mit negativem Erleben und geringem Erfolg in sozialen Situationen verknüpft. Wie wirkt sich jedoch eine gleichermassen hoch ausgeprägte Annährungs- und Vermeidensmotivation auf das Erleben und Verhalten in sozialen Situationen aus? Die zentrale aus der bestehenden Literatur abgeleitete Annahme ist, dass eine gleichzeitige Annäherungs- und Vermeidungsmotivation mit ambivalenten Gedanken und Gefühlen sowie instabilem Verhalten verbunden ist. Anhand eines multimethodalen Ansatzes haben wir in unseren Studien diese Hypothese bestätigt. Eine gleichzeitige Betrachtung des Annäherungs- und Vermeidungsmotivs hat für das Erleben und Verhalten in sozialen Situationen einen zusätzlichen Erklärungswert, der über die Effekte der jeweils einzeln betrachteten motivationalen Tendenzen hinausgeht.

(2) Welche Rolle spielen soziale Motive für Transitionen im jungen Erwachsenen?

Soziale Motive sollten im jungen Erwachsenenalter – einer Phase, in der neue soziale Rollen aufgenommen werden müssen – eine wichtige Rolle spielen. Solche Transitionen bringen die Rolle der individuellen Differenzen in sozialen Motiven in den Vordergrund, weil es nicht mehr möglich ist, sich auf den bekannten Rahmen etablierter sozialer Beziehungen zu stützen. In einer laufenden Längsschnittstudie untersuchen wir die Rolle des sozialen Annäherungs- und Vermeidungsmotivs für die Transitionen im jungen Erwachsenenalter am Beispiel des Auszugs aus dem Elternhaus. Die Daten aus der ersten Erhebungswelle zeigen, dass Annäherungsmotiv mit positiven und Vermeidungsmotiv mit negativen Konsequenzen für die erfolgreiche Bewältigung dieses Übergangs einhergehen und dass Annäherungsmotiv teilweise die negativen Konsequenzen des Vermeidungsmotivs puffern.

(3) Wie entwickeln sich soziale Motive über das Erwachsenenalter?

Junges Erwachsenenalter ist verbunden mit Entwicklungsaufgaben, die Kontakte mit vielen neuen Personen verlangen (z.B. Auszug aus dem Elternhaus, Aufbau der Karriere, Finden eines Partners/einer Partnerin). Mit zunehmendem Alter nimmt die Erweiterung des eigenen sozialen Netzwerkes an Wichtigkeit ab. Ältere Erwachsene haben ihr etabliertes soziales Netzwerk und brauchen nicht, neue Kontakte zu knüpfen. Da Ereignisse, die für persönliche Ziele zentral sind, stärkere Emotionen hervorrufen als weniger relevante Ereignisse, sollten soziale Motive für das soziale Erleben und Verhalten im jungen im Vergleich zu höherem Erwachsenenalter eine stärkere Rolle spielen. Diese Hypothese wird mithilfe eines multimethodalen Zugangs in Studien untersucht, die sowohl querschnittliche Altersvergleiche als auch experimentelle Settings benutzen.

(4) Wie entwickeln sich soziale Motive und persönliche Ziele im Erwachsenenalter?

Eine weitere Frage der Entwicklung der sozialen Motivation im Erwachsenenalter ist das Zusammenspiel von sozialen Motiven und Zielen. Motive sind relativ stabile Präferenzen für eine breite Klasse von Anreizen, die das Verhalten energetisieren und steuern. Persönliche Ziele sind definiert als bewusste Repräsentationen antizipierter Endzustände, welche dem individuellen Verhalten Sinn, Struktur und Richtung verleihen. Kongruenz zwischen Motiven und Zielen ist eine wichtige Bedingung des emotionalen und physischen Wohlbefindens. Bisherige Forschung hat gezeigt, dass die Fokussierung auf motivspezifische emotionale Erfahrungen beim Setzen und Verfolgen von Zielen die Kongruenz zwischen Motiven und Zielen erhöht. Da die Wichtigkeit des emotionalen Erlebens und der Emotionsregulation mit zunehmendem Alter steigt, sollten ältere Erwachsene Ziele wählen, die mit ihren Motiven kongruent sind. Zusätzlich ist höheres Erwachsenenalter mit wenigen normativen Strukturen verbunden als jüngere Altersabschnitte, was die Möglichkeit gibt, Ziele zu verfolgen, die kongruent mit den eigenen Motiven sind. Ältere Menschen sollten also sowohl ein grösseres motivationales Potential als auch mehr Freiheit haben, um ihr emotionales Erleben durch das Setzen und Verfolgen von motivkongruenten Zielen zu regulieren. Wir untersuchen diese Annahme mit retrospektiver und prospektiver Befragung in natürlichen und experimentellen Settings.

Dr. phil. Jana Nikitin
Prof. Dr. Alexandra M. Freund

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