Psychologisches Institut – Angewandte Kognitionspsychologie

 

Partizipative Assessmentverfahren in der Pilotenausbildung

Die kontinuierliche Leistungs- und Potenzialbeurteilung während der Ausbildung von Berufspiloten erfolgt durch eine Reihe hochgradig spezialisierter Trainer, durch Kursbetreuer sowie durch das Diagnostik-Team der Airline, die eine Ausbildung betreibt. Wo immer möglich, sollen auch die Kursteil-nehmer untereinander in die Diagostik eingebunden werden. Die Trainees, die im Fall von Swiss Avi-ation Training ihre Ausbildung selbst zu finanzieren haben, sind durch ein vorausgehendes umfassendes Assessment vorselektioniert. Im Anschluss an die Ausbildung entscheiden Airlines, welche Pilotinnen und Piloten von ihnen übernommen werden. Zudem bieten Airlines den besten Trainees an, ihre Ausbildungskosten vorzufinanzieren oder sogar ganz zu übernehmen.

Potenzial- und Leistungsdiagnostik ist damit in der Ausbildung von Berufspiloten ein Kernfaktor. Er spielt sich zudem noch vor dem Hintergrund der Persönlichkeitsentwicklung junger Erwachsener ab, einem Faktor der bei Berufspiloten ebenfalls von enormer Bedeutung ist und deswegen in der Einschätzung maßgeblich mit berücksichtigt wird. Da sich die vorgenommene Diagnostik jedoch auf unterschiedlichste Quellen (mit extrem heterogenem Professionalitätsgrad in der Leitungs- und Personalbeurteilung) stützt und unterschiedlichste Bereiche von Kompetenz betrifft, werden im konkreten Vollzug viele verschiedene Sprachen gesprochen.

Das Längsschnittprojekt entwickelte und evaluierte deswegen eine gemeinsame Repräsentationsform für die unterschiedlichsten diagnostischen Daten. Durch den Vergleich der Beurteilungsprofile je zweier Auszubildender eines Kurses lassen sich Konkordanzen berechnen, die mit Nonmetrischer Multidimensionaler Skalierung in zweidimensionale geometrische Landkarten überführbar sind. In diesen Landkarten ist jeder Kursteilnehmer durch einen Punkt relational positioniert. Die Karte ist von einer Leistungshauptachse geprägt, während die Varianz in der zweiten Dimension unterschiedliche Schwerpunktprofile der eingeschätzten Leistungen aufzeigt. Durch Prokrustes-Transformationen lassen sich nun die Karten unterschiedlicher Beurteiler übereinanderlegen, so dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Beurteilung zu Tage treten. Diese Karten erweisen sich als eine hilfreiche Entscheidungsgrundlage.

Ein besonderer Schwerpunkt des Projekts lag auf der Einbeziehung von Kurssupervisoren (erfahrenen Berufspiloten) und der Auszubildenden selbst in den kontinuierlichen diagnostischen Prozess. Diese Personen bewerteten nicht einzelne Personen anhand von Kriterienlisten, sondern sie gaben lediglich paarweise Urteile über den Ähnlichkeitsgrad der Leistungs- und Potenzialprofile je zweier Kursmitglieder ab. Aufgrund dieser Ähnlichkeitsurteile kann ebenso eine geometrische Karte aller Kursteilnehmer berechnet werden, in welcher sich die Leistungshauptachse genauso ergibt wie die Varianz der Profile, und zwar ohne dass jemals expliziert nach einer Bewertung gefragt wird. Es ist auf dieser Basis auch möglich, Selbstbild-Fremdbild-Diskrepanzen in der Einschätzung zu finden.

Die Evaluation wies auf eine hohe Validität und Reliabilität dieses Verfahrens hin. Es erweist sich damit als hervorragend geeignet für eine partizipative Diagnostik und kann über die Pilotenausbildung hinaus auch in anderen leistungsbezogenen Situationen herangezogen werden.

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