Wie Optimismus und Pessimismus unser Leben beeinflussen

Der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten besteht darin, dass beide alles für möglich halten. (Ernst Ferstl)

 

Unter Dichtern und Philosophen sind viele blumige Beschreibungen für Optimismus oder Pessimismus zu finden. Im allgemeinen Volksglauben sieht die Sache schon etwas einfacher aus: Optimisten erwarten, dass ihnen gute Dinge widerfahren, während Pessimisten davon überzeugt sind, schlechte Dinge zu erleben.

 

In der Forschung wird Optimismus oder Pessimismus gemäss einer weit verbreiteten Definition jedoch nicht als starres Unterscheidungsmerkmal angesehen, sondern als eine generelle Tendenz, entweder positive oder negative Ereignisse in der Zukunft zu erwarten (Scheier & Carver, 1985). Für Forscher stehen noch weitere Fragen im Vordergrund: Handelt es sich beim Optimismus nur um eine Stimmung, welche auch rasch in Pessimismus umschlagen kann? Oder ist es eine stabile Eigenschaft, welche uns unser ganzes Leben lang begleitet? Ist ein Mensch grundsätzlich nur Optimist oder Pessimist oder lässt sich ein Individuum auf einer Skala zwischen diesen beiden Polen ansiedeln? Und vor allem: Macht es einen Unterschied, ob wir die Welt farbig oder in schwarz/weiss sehen? Das heisst: Wird unser Leben und unsere Gesundheit auch von unserer Lebenseinstellung beeinflusst?

 

Der Optimist ist ein Mann, der Kreuzworträtsel sofort mit dem Kugelschreiber ausfüllt. (Karl Farkas)

 

In der heutigen Forschung geht man davon aus, dass Optimismus oder Pessimismus ein relativ stabiles Konstrukt ist, das sowohl Gedanken als auch Gefühle miteinschliesst. Als Folge dessen wird auch unser Erleben und Handeln beeinflusst (Carver et al., 2010). In diversen Studien konnte ein positiver Einfluss von Optimismus auf die Gesundheit gezeigt werden. Personen mit einer optimistischeren Lebenseinstellung erleben weniger Stress und Burnouts und berichten eine höhere Lebenszufriedenheit (Hayes & Weathington, 2007; Yew et al., 2015). Gleichzeitig treten seltener kardiovaskuläre Krankheiten auf (Kubzansky et al., 2001).

 

Der Pessimist sieht in jeder Chance eine Bedrohung. Der Optimist in jeder Bedrohung eine Chance. (aus Ostasien)

 

Die Forscher nennen verschiedene Gründe für die positive Wirkung von Optimismus. Dieser Einfluss könnte dadurch zustande kommen, dass optimistischere Personen auch gesündere Verhaltensweisen zeigen, indem sie weniger rauchen oder sich mehr bewegen (Nabi et al., 2008; Tindle et al., 2010). Gleichzeitig sehen Optimisten ihre Lebensziele als durchaus erreichbar an. Dadurch verstärken sie ihr Engagement, um diese Ziele zu erreichen und die Chance auf Erfolg wird grösser (Scheier & Carver, 2003). In Zeiten von Stress führt eine optimistischere Lebenseinstellung dazu, adaptive Strategien im Umgang mit Belastungen anzuwenden. Dazu gehört beispielsweise die Inanspruchnahme sozialer Unterstützung durch die Partnerin, Freunde oder die Familie. Durch den besseren Umgang mit Stress hat Optimismus auch einen Einfluss auf unsere Körpersysteme, wie beispielsweise das Immunsystem. Höhere Optimismuswerte stehen denn auch in einem Zusammenhang mit tieferen Entzündungsmarkern (Ikeda et al., 2011). Sogar auf der Ebene der Chromosomen finden sich Unterschiede, nämlich in den Telomerlängen. Telomere schützen die Chromosomenenden vor Schädigungen. Mit zunehmendem Alter verkürzen sich die Telomere. Darüber hinaus fanden Forscher jedoch, dass auch Personen mit stärkerer pessimistischer Orientierung kürzere Telomerlängen aufwiesen (Ikeda et al., 2014).

 

Ein nebliger Morgen ist noch kein wolkiger Tag. (Sprichwort aus den USA)

 

Während Optimisten also einen Vorteil zu haben scheinen, ist es wichtig, auf die Unterscheidung zwischen realistischem und unrealistischem Optimismus hinzuweisen. Wenn ein Optimist nach einer Woche Dauerregen an einem nebligen Morgen aufsteht und sich entschliesst, keinen Schirm mitzunehmen (obwohl das bisherige Wetter dies durchaus anregen würde), dann wäre diese positive Einstellung eher unrealistisch und er müsste sich nicht wundern, wenn er in nasser Kleidung zurückkehrt. Forscher konnten bestätigen, dass Personen mit unrealistischem Optimismus das Risiko für verschiedene Ereignisse unterschätzen. So überschätzen Raucher, deren unrealistischer Optimismus höher ausgeprägt war, die Anzahl Fälle von Lungenkrebs, welche geheilt werden konnten. Dadurch planten sie auch viel seltener, mit dem Rauchen aufzuhören (Dillard et al., 2006). Optimismus scheint also nur mit höherer Gesundheit und Wohlbefinden einherzugehen, wenn die Realität bis zu einem gewissen Grad miteinbezogen wird.

 

Die gute Nachricht: Optimismus ist trainierbar

Obwohl Optimismus und Pessimismus relativ stabile Eigenschaften sind, können wir aktiv etwas daran ändern. Mittlerweile finden sich im Internet verschiedene Tipps oder auch Trainingsprogramme, um zu einer optimistischeren Lebenseinstellung zu gelangen. Einige dieser Vorschläge haben wir für Sie unten gesammelt:

 

  • Fokussieren Sie auf Ihre Stärken und vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten. Am besten schreiben Sie alle Ihre Fähigkeiten und Stärken auf. Sie werden überrascht sein, wieviele Ressourcen Sie haben! Fällt Ihnen das noch etwas schwer? Die Universität Zürich bietet ein kostenloses Programm zum Training der eigenen Stärken an: Stärkentraining
  • Fokussieren Sie auf die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten, statt nur auf das Problem. Selbst wenn die optimale Lösung nicht verfügbar ist, gibt es immer eine Alternative.
  • Lassen Sie sich von Misserfolgen nicht herunterziehen. Selbst wenn es dieses Mal nicht geklappt hat, kann es beim nächsten Mal wieder anders sein. Noch viel besser ist es, wenn Sie den Misserfolg als Anregung nehmen, was sie besser oder anders machen können. Getreu nach dem Motto: „Wenn der Tag nicht dein Freund war, so war er dein Lehrer.“
  • Erinnern Sie sich an die guten Dinge! Nehmen Sie sich am Ende jeden Tages kurz Zeit und notieren Sie drei positive Dinge. Das können entweder drei gute Erlebnisse sein oder auch Dinge, für die Sie am heutigen Tag dankbar waren. Das können selbst kleine Gesten wie das Lächeln eines Kindes sein. Kleiner Hinweis: meistens handelt es sich dabei um die gleichen Ereignisse.

 

Verfasserin: Jessica Ruppen

 

Quellen

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Carver, C. S., Scheier, M. F., & Segerstrom, S. C. (2010). Optimism. Clinical Psychology Review, 30, 879 – 889.

Dillard, A. J., McCaul, K. D., & Klein, W. M. (2006). Unrealistic optimism in smokers: implications for smoking myth endorsement and self-protective motivation. Journal of Health Communication, 11, 93 – 102.

Hayes, C., & Weathington, B. (2007). Optimism, stress, life satisfaction, and job burnout in restaurant managers. The Journal of Psychology, 141, 565 – 579.

Ikeda, A., Schwartz, J., Peters, J. L., Baccarelli, A. A., Hoxha, M., Dioni, L., Spiro, A., Sparrow, D., Vokonas, P., & Kubzansky, L. D. (2014). Pessimistic orientation in relation to telomere length in older men: the VA Normative Aging Study. Psychoneuroendocrinology, 42, 68 – 76.

Ikeda, A., Schwartz, J., Peters, J. L., & Kubzansky, L. (2011). Optimism in Relation to Inflammation and Endothelial Dysfunction in Older Men: The VA Normative Aging Study. Psychosomatic Medicine, 73, 664 – 671.

Kubzansky, L., Sparrow, D., Vokonas, P., & Kawachi, I. (2001). Is the glass half empty or half full? A prospective study of optimism and coronary heart disease in the normative aging study. Psychosomatic Medicine, 63, 910 – 916.

Nabi, H., Vahtera, J., Singh-Manoux, A., Pentti, J., Oksanen, T., Gimeno, D., et al. (2008). Do psychological attributes matter for adherence to antihypertensive medication? The Finnish Public Sector Cohort Study. Journal of Hypertension, 26, 2236 – 2243. 

Scheier, M. F. & Carver, C. S. (1985). Optimism, coping, and health: assessment and implications of generalized outcome expectancies. Health Psychology, 4, 219 – 247.

Scheier, M. F. & Carver, C. S. (2003). Goal and confidence as self-regulatory elements underlying health and illness behavior. In L. D. Cameron & H. Leventhal (Eds)., The Self-regulation of Health and Illness Behaviour (pp. 17 – 41). London: Routledge.

Tindle, H. A., Chang, Y. F., Kuller, L. H., Manson, J. E., Robinson, J. G., Rosal, M. C., Siegle, G. J., & Matthews, K. A. (2009). Optimism, cynical hostility, and incident coronary heart disease and mortality in the Women's Health Initiative. Circulation, 25, 656 – 662.

Yew, S. H., Lim, K. M. J., Haw, Y. X., & Gan, S. K. E. (2015). The Association between Perceived Stress, Life Satisfaction, Optimism, and Physical Health in the Singapore Asian context. Asian Journal of Humanities and Social Sciences, 3, 56 – 66.